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Heinemann-Gerrit

Interview: "New Normal" 2021 Gerrit Heinemann: "Dem Großteil des Einzelhandels geht es richtig gut"

Gerrit Heinemann, Leiter des eWeb Research Center an der Hochschule Niederrhein

Isabella Raupold/RP Online

Gerrit Heinemann, Leiter des eWeb Research Center an der Hochschule Niederrhein

Isabella Raupold/RP Online

Wie startet man als Händler in ein völlig unplanbares Jahr 2021? Am besten realistisch, sagt Gerrit Heinemann, Leiter des eWeb-Research-Centers an der HS Niederrhein. Händlern rät er zur tabulosen Analyse von Best- und Worst-Case-Szenarien und maximaler Flexibilität.

Wie würden Sie denn die Ausgangslage für Händler und Hersteller zum Start in das Jahr 2021 beschreiben?

Gerrit Heinemann:
Ich habe in meiner über 20-jährigen Handelspraxis auch etliche Jahre mit Hardcore-Sanierungsprojekten verbracht. Und ich würde sagen: Die Situation aktuell ist nicht viel anders als in derartigen Fällen. Wobei man hier nicht generell von "dem Handel"  und "der Corona-Krise" sprechen kann. Was die aktuellen Schlagzeilen über notleidende Händler nämlich nicht verraten ist: Dem Großteil des Einzelhandels geht es richtig gut. Das halte ich für wichtig zu betonen. In Summe hat die Branche auch in diesem Jahr trotz Corona-Krise ein reales Umsatzplus erwirtschaftet. Ich wüsste jetzt auf die Schnelle nicht, welche Branche das sonst noch geschafft hat. LEH sowie die Nonfood-Warengruppen Baumärkte und Gartenbedarf gingen richtig ab. Online-Handel ja sowieso. Von den rund 500 Milliarden Euro Warenumsatz im Einzelhandel, hat eigentlich "nur" ein Viertel ein echtes Problem - nämlich der innerstädtische Non-Food-Handel. Dort sind die Anbieter in der Tat aktuell zu weiten Teilen existenzgefährdet und vor allem etliche der kleineren, nicht-filialisierten Händler sogar schon insolvent. Sie müssen es nur nicht anmelden, weil die Insolvenzmeldepflicht ausgesetzt ist. Das kommende Jahr allerdings wird das Jahr des Horrors werden. Da sterben dann die vielen lokalen Non-Food-Händler in den Innenstädten wahrscheinlich weg wie die Fliegen. Doch ist daran nicht nur Corona schuld oder der Online-Handel. Die strukturellen Probleme deuteten sich schon länger an und wurden durch die Krise höchstens beschleunigt.

Der HDE sprach von 50.000 Geschäftsaufgaben in diesem Jahr. Halten Sie das für realistisch?

Heinemann:
Die Prognosen des HDE stammen noch aus der Zeit vor dem zweiten Shutdown. Aus meiner Sicht werden in diesem Jahr mindestens 64.000 Händler - so die ursprüngliche IfH-Prognose bis 2030 - zusperren. Die tatsächlichen Auswirkungen allerdings werden wie gesagt erst im kommenden Jahr sichtbar werden. Ich schätze, dass von den rund 400.000 stationären Händlern in Deutschland die Hälfte das kommende Jahr nicht überleben wird. Betroffen sind dabei vor allem die 376.000 kleinen lokalen Händler mit weniger als 320.000 Euro Umsatz pro Jahr. Doch selbst wenn von denen die 200.000 kleinsten sterben, sind "vielleicht" zehn Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes bedroht. Das größere Problem ist, dass die Innenstädte durch das Ladensterben bald aussehen werden wie Schweizer Käse. Die müssen sich dringend unabhängig vom Handel machen.

"Die Bekleidungsbranche ist total kaputt und muss sich komplett neu erfinden."

Betroffen ist vornehmlich die Bekleidungsbranche, oder?

Heinemann:
"Betroffen" ist fast schon Schönfärberei. Ich würde hier mittlerweile von einem kollektiven Sanierungsbedarf sprechen. Die Branche ist total kaputt und muss sich komplett neu erfinden.

Inwiefern?

Heinemann:
Der Textil- und Bekleidungseinzelhandel hatte schon vor Corona immense Probleme. Selbst große Ketten mussten ins Schutzschirmverfahren gehen. Und durch den Shutdown im März sind von jetzt auf gleiche viele klassische Multi-Label-Bekleidungshändler zum Sanierungsfall geworden. Die Unternehmensberatung Hachmeister und Partner prognostizierte schon im März oder April, dass die Branche in diesem Jahr im Best-Case-Szenario ein Umsatzminus von 28,5 Prozent erzielt. Das bestätigt sich jetzt - und wird sogar noch mehr. Das große Problem der Branche sind die extremen Warenrisiken der Händler, die durch die Preorders verursacht werden. Saisonware muss sechs Monate im Voraus bestellt werden. Danach ist der Point of No Return erreicht, dann kommt die Ware, liegt auf dem Lager, muss finanziert werden. Wenn Händler dann nichts verkaufen können, müssen sie zusperren. Um ihre Liquidität zu schonen, haben die Händler während des ersten Shutdowns nicht nur ihre Mietzahlungen ausgesetzt (was übrigens Marktstudien zufolge 78 Prozent der Händler gemacht haben) und ihre Mitarbeiter sofort auf Kurzarbeit gesetzt, sondern auch die Vorbestellungen für die Herbst-/Winter-Saison storniert. Dadurch kommen jetzt natürlich auch die Lieferanten in Schwierigkeiten, weil sie ihre Ware nicht loswerden und außerdem auch noch auf die Zahlungen ihrer Händler warten. Diese Spirale nach unten wird sich so durch das komplette nächste Jahr ziehen. Dadurch, dass die Regierung Maßnahmen fallzahlenbezogen trifft, ist das kommende Jahr völlig unplanbar. Ich wüsste als Händler nicht, was ich ordern sollte. Die einzige Lösungsmöglichkeit - und das ist auch mein Appell an die Branche - besteht darin, das System der Preorders abzuschaffen.

So wie H&M und Zara es vormachen?

Heinemann:
Genau. Inditex beispielsweise hat seine Saisonware völlig losgelöst von den jahreszeitlichen Zyklen. Durch eigene Produktionsstätten im Baskenland sind sie in der Lage, ihre modischen Artikel komplett selbst zu produzieren und sind damit völlig unabhängig von der Vororder. Sie können nach Bedarf bestellen - und das mit einem Vorlauf von 14 bis 21 Tagen. Das sogenannte Speedsourcing in Europa oder der paneuropäischen Zone mit Ländern wie Nordafrika oder der Türkei überkompensiert durch die spezifischen Vorteile auch die drei bis fünf Mal so hohen Stückkosten. Die Branche muss nur mal anfangen, tabulos darüber nachzudenken. Die Basics, die 50 bis 70 Prozent des Volumens ausmachen, können ja nach wie vor in den alten Strukturen produziert werden, weil die saisonunabhängig sind. Aber viele Hersteller können nur in alten Strukturen denken - und werden deswegen auf der Strecke bleiben.

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