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Philip Rooke

Gastkommentar Electronic World Trade Platform: Ist grenzenloser E-Commerce eine gute Idee?

Philip Rooke, CEO von Spreadshirt

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Philip Rooke, CEO von Spreadshirt

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Alibaba-Chef Jack Ma hat 2016 seine Vision einer "Electronic World Trade Platform" vorgestellt. Spreadshirt-CEO Philip Rooke erklärt, warum die Idee vom grenzenlosen Handel eine Kehrseite hat.

Von Philip Rooke, CEO von Spreadshirt

Als CEO einer weltweit agierenden E-Commerce-Plattform kann ich behaupten, hinreichend Erfahrungen mit den guten wie den schlechten Seiten internationalen Handels zu haben. Immer wieder werden Rufe nach wahrhaft grenzenlosem E-Commerce laut und ich muss zugeben, dass das Musik in meinen Ohren ist. Eine der neueren Ideen dieser Art ist die von Jack Ma erdachte Electronic World Trade Platform (eWTP).

Der Alibaba-Gründer stellte seine Vision 2016 beim Boao Forum vor und findet damit Gehör. Im September wurde die eWTP sogar in ein Kommuniqué der G20 aufgenommen. "Unternehmen etablieren gemeinsam E-Commerce-Hubs und Regierungen unterstützen dies mit virtuellen Freihandelszonen. Diese eHubs erlauben es kleinen und mittelständischen Unternehmen, grenzübergreifend zu verkaufen, mit niedrigen oder keinen Einfuhrzöllen, schneller Zollabwicklung und besserer Logistik. Gemeinsam ergeben diese eHubs ein globales Netzwerk - die eWTP", zeichnet Jack Ma auf dem Reißbrett seine schöne neue E-Commerce-Welt. Er sieht in der eWTP ehrgeizig "eine logische und natürliche Ergänzung zur WTO".

Für einen Freihandelsidealisten und Hayek-Anhänger wie mich klingt das zunächst nach einer brillanten Idee. Auch in meiner Vision einer perfekten Welt gibt es keine Grenzen für Waren, Dienstleistungen oder Menschen. Denn ist es nicht ein lächerlicher Gedanke, dass ein Produkt oder eine Person und ihre Arbeitskraft auf einen bestimmten Ort beschränkt sein sollen? Soweit zur Theorie.

Wenn alles so einfach ist, warum ist der grenzenlose Handel nicht schon längst Realität? Weil die Idee - wie alles im Leben - eine Kehrseite hat.

Die hässliche Seite des grenzenlos verdienten Geldes

Vielen Akteuren sind offene Grenzen nur sympathisch, solange sie nach außen offen sind. Doch Offenheit funktioniert nur in beide Richtungen. Wer Waren ohne Grenzen verkaufen und so neue Märkte erschließen möchte, muss auch damit leben, dass andere das im eigenen Markt ebenfalls tun. Grenzenloser Handel bedeutet neue Wettbewerber, mehr Preiskampf und mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Zunahme von minderwertigen Produkten, Fälschungen oder auf unethische Weise produzierte Waren.

Gesunde Unternehmen finden Strategien dagegen, das haben sie schon immer getan. Aber eine neuere Entwicklung erschwert den grenzenlosen Handel zusehends: Populismus, Protektionismus und Nationalismus sind mediale und politische Verkaufsschlager. In diesem Klima - symptomatisch seien hier das Brexit-Referendum und die Wahl Donald Trumps genannt - sind Freihandelsinitiativen zum Scheitern verurteilt.

Ich fürchte, dass die eWTP mit ihren guten Ideen dasselbe Schicksal erleiden wird wie ähnliche Initiativen zuvor. In einem Automatismus von politischer Stimmungsmache und medialem Negativhype werden sie auf ihre Schattenseiten reduziert und im Keim erstickt. Das Schlechte hallt lauter und bleibt länger im Gedächtnis als das Gute. Die Chancen und Impulse offener Grenzen werden dabei übersehen.

Der "Wetter-Effekt"

Mitschuld am Scheitern visionärer Freihandelsideen wie eWTP trug in der Vergangenheit auch, was wir bei Spreadshirt scherzhaft und selbstkritisch "Wetter-Effekt" nennen: Wenn wir weniger T-Shirts als sonst verkaufen, schieben wir die Schuld gern auf das schlechte Wetter. Ist das Wetter aber gut, dann zieht es niemand als Begründung für gute Verkaufszahlen heran. Stattdessen loben wir unsere harte Arbeit und unsere guten Strategien.

Dasselbe gilt für Freihandelsinitiativen. Sie bekommen für ihre Schattenseiten die schlechte Presse zu spüren, aber ihre positiven wirtschaftlichen und sozialen Effekte werden zu regionalen politischen Verdiensten umgedeutet. So geschehen bei Themen wie EU, NAFTA, TTIP und künftig vielleicht auch eWTP.

Ich bin Idealist und glaube daran, dass grenzenloser E-Commerce eine gute Idee ist. Ich befürchte aber, dass derzeit zu viele Kräfte gegen solche Visionen arbeiten. Auf wirklich freien globalen Handel müssen wir - leider - noch eine Generation oder zwei warten.

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