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Digitaler Handel 28.09.2019
Susanne Nickel
Digitaler Handel 28.09.2019

Rechtsanwältin Susanne Nickel

Change Management im Handel: "Ein flexibles Mindset entwickeln"

Susanne Nickel, Rechtsanwältin und Expertin für Change 4.0 und innovative Leadership

Susanne Nickel

Susanne Nickel, Rechtsanwältin und Expertin für Change 4.0 und innovative Leadership

Susanne Nickel

Um in der digitalen Welt effizient und erfolgreich zu sein, müssen Firmen sich transformieren. Doch wie gelangt der Handel von der alten in die neue Welt? Darüber haben wir mit Susanne Nickel, Rechtsanwältin und Expertin für Change 4.0, gesprochen.

Schnelle Marktzyklen, globale Vernetzung, weltweiter, nahezu transparenter Informationsaustausch und die Digitalisierung fordern Dynamik, Agilität und Demokratisierung in Unternehmen. Um in dieser VUCA (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität)-Welt weiterhin flexibel, effizient und erfolgreich zu sein, müssen Firmen sich transformieren.

Doch wie gelangt der Handel von der alten in die neue Welt? Das will Susanne Nickel, Rechtsanwältin und Expertin für Change 4.0 und innovative Leadership, beantworten.
 
Viele Händler wissen, dass sie sich verändern müssten und Herausforderungen der digitalen Transformation angehen sollten. Doch viele agieren wie das Kaninchen vor der Schlange: in Schockstarre. Die Frage ist, wie schaffen es Händler, Veränderungen als Chance zu sehen?
Susanne Nickel: Das erinnert mich an eine mir oft gestellte Frage: Wie schaffen wir es Konflikte als Chance zu sehen? Auch hier ist es ähnlich. Wir wollen keine Konflikte. Sie machen uns Angst und wir haben keine richtig gute Streitkultur. Genauso ist es bei Veränderungen. Wenn uns etwas Angst macht, lehnen wir es lieber ab, bis wir gegebenenfalls gefressen werden. Dann ist es zu spät. Um etwas als Chance zu sehen ist ein Perspektivwechsel und lösungsorientiertes Denken wichtig.

Wenn Change nur negativ belegt ist, kreisen wir in der Problemtrance und nichts bewegt sich. Angst schafft Widerstand. Wir könnten uns im Reframing üben, das Gute im schlechten zu sehen oder auch das Schlechte im Guten. Also den Dingen einen neuen Rahmen zu geben. Ein allgemeines Beispiel: Kollegin X ist immer so laut. Was ist das Gute daran? Sie kann sich gut durchsetzen. Oder: Immer mehr Kunden kaufen online. Wenn wir ein Ladengeschäft haben, ist das eher schlecht für uns. Die lösungsorientierte Frage wäre: Was ist das Gute daran? Was kann es Gutes dabei für uns geben? Es gibt nie nur Gutes oder nur Schlechtes - es kommt immer auf den Kontext und das System an.

Eine andere Reflexion könnte sein: Wann gab es eine Situation, wo Sie felsenfest und sicher eine Annahme hatten und es kam total anders? Wenn wir erkennen, dass wir solche Erfahrungen gemacht haben, können wir flexibler in Zukunft damit umgehen. Mit dieser Herangehensweise öffnen wir unser Mindset. Bei häufigen Veränderungen ist es wichtig ein flexibles Mindset zu entwickeln.
 
Was sind die größten Hürden und Hindernisse dafür?
Nickel: Veränderungen sind mit Unsicherheit verbunden, dem Verlassen der Komfortzone und auch dem Loslassen lieb gewonnener Gewohnheiten. Und die Macht der Gewohnheit ist sehr stark in uns verankert. Sie gibt uns ja auch Sicherheit bei unserem Handeln. Wir brauchen eine Dringlichkeit, einen so genannten Sense of Urgency, damit wir uns ändern. Zudem reicht die Ratio alleine nicht aus, daher benötigen wir auch einen emotionalen Schub. Lernen findet laut Hirnforschung am besten dann statt, wenn positive Emotionen tangiert werden. Also wenn wir etwas ausprobieren können und auch Spaß dabei haben und Fehler machen dürfen.

Leider ist es mit unserer Fehlerkultur auch nicht so weit her. Wenn die Haltung ist: Fehler machen ist nicht erlaubt oder man wird sogar bestraft, dann scheue ich mich davor neues auszuprobieren. Jede Transformation beginnt im Kopf und mit der entsprechenden Haltung. Wir sprechen vom Change im Mindset und das ist der schwierigste Aspekt für Change - neben dem Toolset und dem Skillset. Veränderungen werden oft als sinnlos empfunden. Das heißt ohne den Sinn dahinter verstehen Menschen nicht, warum sie sich verändern sollten. Überhaupt sind Menschen mehr auf Sinnsuche, das betrifft nicht nur die Gen Y und Z, sondern geht sogar auf gesamte Organisationen über: Das Fachwort dazu ist "Purpose Driven Organsiations".
 
Wie lassen sich diese - mal abgesehen von der Technik - Hürden und Hindernisse überwinden und angehen?
Nickel: Wir könnten die oben genannten Reflexionen zum Beispiel als Ritual in Team Meetings machen. Steve de Shazer, ein bekannter Coach, hat einmal gesagt: Wenn Sie eine Annahme oder Hypothese haben, schlucken Sie ein Aspirin, setzen sich in die Ecke und warten Sie, bis der Anfall vorbei ist. Damit meinte er, Hypothesen zu haben ist gut und es ist auch gut, diese schnell wieder zu verwerfen. Sie könnten bei jeder Hypothese mindestens drei andere dazu entwickeln und auch das als Teamritual ausprobieren. Einstellungen verändern sich nur durch Erfahrungen, am besten positive.

De-rationalisieren Sie Ihre Unternehmen. Lassen Sie mehr Emotionen zu. Wo sind Sie stolz auf Ihr Produkt? Was begeistert Sie beim Tun? Welche Ressourcen können Sie beim nächsten Change gut gebrauchen? Schaffen Sie Raum für Kreativität, um die eine Million US-Dollar bei Ihren Mitarbeitern zu heben - nämlich deren Ideen und Kompetenzen. Spielplätze sind Startbahnen für Innovationen. Geben Sie den Mitarbeitern Spielräume, um neue Erfahrungen zu machen. Gehen Sie co-kreativ den nächsten Wandel an. Das bedeutet, in kreativer Kollaboration, also abteilungsübergreifend und mit kreativen Methoden. Das schafft Begeisterung und Committment. Und dann klappt es auch mit dem nächsten Change.

Ein Blick in die Zukunft: Was sehen Sie in den nächsten fünf Jahren?
Nickel: Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität - willkommen in der VUCA-Welt mit ganz vielen Veränderungen.

Susanne Nickel wird auf dem diesjährigen Internet World Congress am 23./24. Oktober 2019 zum Thema "Change 4.0 - stell Dir vor, es heißt Veränderung und alle freuen sich" sprechen.

Ebner Media Group

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