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Alexander Graf

Interview mit Keynote-Speaker Alexander Graf: "Die großen Namen erfinden Kundenbindung neu"

Alexander Graf, Geschäftsführer und Gründer Spryker Systems

Spryker Systems

Alexander Graf, Geschäftsführer und Gründer Spryker Systems

Spryker Systems

In der E-Commerce-Welt ist Alexander Graf ein Name mit Gewicht. Er wird auf dem Internet World Kongress mit Matthias Schrader "Strategische Wege im GAFA-Monopol" beleuchten. Wir haben Graf im Vorfeld interviewt.

Herausgeber des Blogs Kassenzone, Autor, Mehrfach-Unternehmer und Geschäftsführer von Spryker Systems: In der E-Commerce-Branche ist Alexander Graf einer der wichtigsten Köpfe. Er ist auch auf dem diesjährigen Internet World Kongress und hält zusammen mit Matthias Schrader, CEO Sinner Schrader AG, am zweiten Messetag die Keynote.

Gemeinsam werden sie aus der Sicht eines Konzern respektive aus Sicht einer Agentur und der Beratung "Strategische Wege im GAFA-Monopol" diskutieren: Alle wollen die "Transformation" des eigenen Unternehmens, Geschäftsmodells und der Strategie, um sich eine stabile Perspektive in der Ära der großen GAFA-Monopole (Google, Amazon, Facebook, Apple) und ihrer Nachfolger zu erarbeiten.

Die Herausforderung dabei: Transformation bedeutet eine Veränderung des eigenen Bezugsrahmens, der Prozesse und der eigenen Bedeutung. Ist sie im laufenden Betrieb überhaupt möglich oder nur in einer neuen Petrischale? Wir haben Alexander Graf im Vorfeld ein paar Fragen dazu gestellt.

Wie sehr sind die großen Namen tatsächlich eine Bedrohung - sowohl für KMUler als auch für große Firmen?
Alexander Graf: Die großen Namen erfinden Kundenbindung neu und vertikalisieren zunehmend ihre Services. Das ist für große und kleine Unternehmen gleichermaßen bedrohlich. Mit Innovationen in der Zustellung und Nachlieferung schwinden beispielsweise auch die Vorteile lokaler Nähe. Etablierte Firmen sind außerdem nicht gerüstet für den Wettbewerb mit "mean, lean learning machines" wie der neue Organisationstypus kürzlich genannt wurde. Gemeint ist ein Unternehmen, das "responsive" handeln kann, das wie Amazon oder Facebook konsequent auf den Kunden ausgerichtet ist, datengetrieben und dadurch extrem lernfähig. 
 
Woran scheitern deutsche Unternehmen im großen Konkurrenzkampf? Mangelndes (technisches) Know-how, fehlender Wagemut?
Graf: Digitalisierung wird gerne innerhalb der bisherigen Strukturen versucht und damit auf eine Dimension geschrumpft, die Matthias Schrader "Elektrifizierung" nennt. Echte Transformation ist innerhalb des herrschenden Organisationsprinzips in meinen Augen nicht möglich, das ist das Missverständnis der Debatte derzeit. Unternehmen fehlt aber oft die Bereitschaft, etwas völlig Neues aufzubauen. Sicherheitsdenken birgt für große Unternehmen mittlerweile das größte Risiko im Konkurrenzkampf. "The biggest risk is not taking any risk", der Satz von Mark Zuckerberg gilt heute auch für Handelsunternehmen, weil sie Kundenunternehmen werden müssen.
 
Wer ist als Marktteilnehmer besonders gefragt, wenn es darum geht, deutsche Unternehmen gegen das GAFA-Monopol zu stabilisieren: Die Politik? Die Tech-Branche?
Graf: In meinen Augen kann man das schwer auf einzelne Marktteilnehmer münzen. Die Politik kann europäische beziehungsweise deutsche Rahmenbedingungen ansetzen, zum Beispiel im Bereich der Steuer. Unternehmen darüber hinaus gegen Monopole stabilisieren zu wollen ist wenig sinnvoll und lenkt von der Innovationsaufgabe der Wirtschaft ab, die Marktbedingungen selbst mit zu erneuern. Dazu sind gleichzeitig viel Kapital, sehr gute Ideen und eine hohe Risikobereitschaft nötig. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Firmen mit entsprechendem Kapital in Deutschland. Sie müssen handeln.
 
Welche Rolle haben Agenturen in diesem Gebilde? Sind sie Vorreiter und besser auf den Wandel eingestellt oder macht auch hier die Tradition der Moderne oft einen Strich durch die Rechnung?
Graf: Agenturen befinden sich in einer Schleusensituation: Sie können Wandel nicht gegen die Anliegen ihrer Kunden forcieren. Andererseits haben sie sehr großen Einfluss auf den Erfolg ihrer Kunden und nehmen diese Verantwortung auch an. Das ist eine Erfahrung, die wir im Rahmen von Spryker gerade machen. Unternehmen sollten die Empfehlungen von Agenturen, was Technologie, die Organisation von Teams und zum Teil auch Ideen für Geschäftsmodelle betrifft, in meinen Augen mehr berücksichtigen. Hinzu kommt, dass in agilen Projekten und Marktumfeldern die Zusammenarbeit ohnehin viel enger werden muss.
 
Was glauben Sie persönlich: Wie digital ist Deutschland? Wie offen ist Deutschland dafür?
Graf: Ich weiß nicht, ob es für die Digitalfähigkeit von Ländern einen Index gibt, beziehungsweise wie man das spiegeln könnte, aber notwendig für digitale Erfolge sind Kapital, Know-how, Erfahrung und Risikobereitschaft. Was letztere betrifft könnten große deutsche Unternehmen noch aufholen. Der Rest ist vorhanden.

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