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Wladimir Klitschko zeigt auf den Betrachter

Fitness via Internet Online-Fitness: Dicke Geschäfte mit dem Speck

Boxweltmeister Wladimir Klitschko als Personal Trainer: Für 199 Euro pro Jahr ist er zu buchen.

Screenshot Klitschko Performance GmbH

Boxweltmeister Wladimir Klitschko als Personal Trainer: Für 199 Euro pro Jahr ist er zu buchen.

Screenshot Klitschko Performance GmbH

Nach Weihnachten boomt das Geschäft mit dem Abspecken. Personal Trainer verkaufen im Web die Hoffnung auf den eigenen Traumkörper - und verdienen damit inzwischen Millionen.

"Ich grüße dich, geht’s dir gut?", säuselt Detlef D. Soost und schaut mir freundlich ins Gesicht. Ich nicke ein wenig verlegen, dann kochen wir zusammen ein Frühstücksrührei mit Champignons. Der ehemalige "Popstars"-Coach und ich führen so etwas wie eine Beziehung auf Zeit. Zehn Wochen lang werden wir uns jeden Tag sehen. Danach, so hat er mir versprochen, bin ich sexy und werde auch ohne ihn zurechtkommen.

Natürlich macht Soost dieses Versprechen nicht nur mir. Jeden Tag kochen Tausende von Männern und Frauen zusammen mit dem Fitnessexperten, lernen Kohlehydrate zu verachten und Proteine zu verehren und quälen sich mit korrekten Kniebeugen und Liegestützen. Sie alle zählen zur Gefolgschaft der "Body Changer". Und Soost als ihr Guru spricht lediglich über das Internet zu ihnen.

Vor etwa fünf Jahren hatte Detlef D. Soost zusammen mit seinem langjährigen Kollegen und TV-Produzenten Fredrik Harkort die Idee für ein Online-Abnehm-Coaching. Ausschlaggebend war Soosts eigene Geschichte. Der Tanztrainer, der mit den Jahren selbst etwas Speck angesetzt hatte, nahm nämlich selbst innerhalb von nur zehn Wochen 20 Kilogramm ab. Durch bewusste Ernährung und Training entwickelte er sich vom Moppelchen zum Adonis mit perfektem Sixpack und beeindruckender Oberarmmuskulatur.

"Das fand ich sensationell", erinnert sich Harkort - und witterte ein Geschäft. Er holte die Leistungssportler und Ernährungsberater Anke, Armin und Gerhard Blöchl mit ins Boot und mit den Kenntnissen der drei Diplomsportwissenschaftler entstand das Konzept von Body Change, einer Kombination aus Sport, Ernährung und Motivation.

Der fünfte Co-Founder ­Steffen Matts brachte sein technisches Know-how ein und eineinhalb Jahre später ging Body-change.de erstmals live. "Wir sind im Januar 2012 gestartet, ohne wirklich zu wissen, wie sehr das angenommen wird", sagt Harkort. "Und dann ist erst mal unsere Landing Page zusammengebrochen und das Feedback, das wir jetzt seit über drei Jahren spüren, hat uns einfach überrollt."

Body Change: Zehn Wochen Rundum-Betreuung für 79,90 Euro

Die Zielgruppe von Body Change sind die typischen Couchpotatoes, die zwar RTL-Fernsehkoch Tim Mälzer gern beim Gemüseschnippeln zusehen, selbst aber den heimischen Backofen als Aufbewahrungsort für Kartoffelchips zweckentfremden. Ihnen verspricht Soost - mithilfe von sehr viel TV-Werbung, Auftritten bei HSE24, aber auch auf Youtube und im Social Web: "I make you sexy".

79,90 Euro kostet das 10-Wochen-Online-Coaching mit Detlef. Dafür gibt es ein PDF mit Rezepten, zwei 20-minütige Trainings-Videos pro Woche, ergänzende Video Coachings zum Thema Ernährung und eine Mitgliedschaft in der Community. Im Anschluss an das 10-Wochen-Programm können die Body Changer im Rahmen des Folgeangebots "Bodychange Next" für 12,90 Euro monatlich weiter an ihrem sexy Körper feilen. "Das Verhältnis zwischen One Time Payment und Abo liegt bei 70 zu 30", verrät Harkort.

Zusätzlich zum Online-Kurs verkaufen die Macher inzwischen ein "I make you sexy"-Kochbuch und das "I make you sexy"-Fitnessbuch - ebenfalls mit Erfolg: Vom Kochbuch wurden seit der Erstveröffentlichung zu Weihnachten 2013 60.000 Stück verkauft, das Fitnessbuch, das vor Weihnachten 2014 erschien, war ebenfalls kurz nach dem Start ausverkauft.

Die Side-Produkte spülen nicht nur zusätzliches Geld in die Kasse - Harkort beziffert den Anteil der Offline-Produkte am Gesamtumsatz von 6,7 Millionen Euro auf rund zehn Prozent - sondern machen auch neue Zielgruppen auf das Online-Programm aufmerksam. Ein weiteres Umsatzstandbein ist ein ­Online-Shop, der mit dem Verkauf von T-Shirts, Protein­pulver, Trainingsmatten und Gewichten inzwischen zu fünf Prozent des Gesamtumsatzes beiträgt.

Seit dem Launch im Jahr 2012 sind über 200.000 Bewegungsmuffel Soosts Aufruf gefolgt, 60 bis 65 Prozent von ihnen sind weiblich. Die Community zählt derzeit 30.000 aktive User, auf Facebook hat die offizielle Body-change-Seite rund 275.000 Fans, den Newsletter bekommen 1,7 Millionen Abonnenten.

"Detlef ist einfach der geborene Coach. Das kann authentischer gar nicht sein", erklärt Harkort den Erfolg des Programms. Außerdem war das Gründerteam zur richtigen Zeit am richtigen Ort: "Außer Weight Watchers, Almased, der Brigitte-Diät und uns gab es damals keinen einzigen Online Player, der eine Kombination aus Motivation, Bewegung und Ernährung wirklich zeitgemäß rübergebracht hat." Ermutigt durch den Erfolg bringen die Body-Change-Macher jetzt ein neues Programm mit Boxweltmeister Wladimir Klitschko auf den Markt. "Klitschko Body Performance" soll ein ähnlicher Kassenschlager werden wie Soosts Coaching-Programm - und verstärkt die männliche Zielgruppe zur Kasse bitten.

Youtube-Fitness: Der große Traum vom schnellen Reibach

Doch auch auf kleinerer Basis explodiert der Markt mit der Online-Fitness: "Die letzten zwei Jahre waren extrem", sagt Daniel Gildner, einer von ­unzähligen Bodybuildern, denen die ­Video-Plattform Youtube die perfekte Bühne zur Selbstvermarktung als Personal Trainer bietet - und die Chance, das Geschäft zu skalieren. Das Prinzip dabei ist immer dasselbe: Die Athleten präsentieren auf ihren Youtube-Kanälen ihre gestählten Körper - Gildners Bizeps hat einen Umfang von 45 Zentimetern, sein Körperfettanteil liegt bei sieben bis zwölf Prozent - und versprechen anschließend, mit den Zuschauern das Geheimnis ihres Erfolgs zu teilen.

Gildner, der seinen Lebensunterhalt vornehmlich über sein Offiziersgehalt bestreitet, tut dies als ­einer der wenigen in der Szene hauptsächlich aus Freude am Kraftsport. Nebenbei akquiriert der Personal Trainer mit einem Master in Sportwissenschaften über seinen Kanal "Daniel Gildner - 100% Real Pro Naturalbodybuilder" Kunden für individuelle One-to-One-Personal-Trainings. Per Skype, E-Mail, übers ­Telefon oder auch von Angesicht zu ­Angesicht berät er Menschen in Sachen Training und Ernährung. 45 Minuten ­Beratung schlagen mit 59 Euro zu Buche.

Mit knapp über 27.000 Youtube-Abonnenten ist der 27-Jährige in der Bodybuilding-Szene kein Unbekannter, aber doch ein eher kleinerer Fisch. Seine Fans nennen ihn respektvoll "den Saubermann", weil er, anders als viele Mitstreiter, seine Seele bislang noch nicht für die Hoffnung auf schnelle Gewinne verkauft hat. Trotzdem laufen die Geschäfte gut: "Aufgrund hoher Nachfrage dauert die derzeitige ­Bearbeitung einer Leistung ca. sieben bis 14 Tage" steht als Hinweis über seiner Website Danielgildner.com. Wer auf seiner Mobilbox eine Nachricht hinterlassen will, wird zu den Klängen des Rocky-Hits "Eye of the Tiger" darauf hingewiesen, dass Daniel "gerade hart trainiert".

Vielen anderen Fitness-Youtubern indes stehen mittlerweile die Dollarzeichen auf die Stirn geschrieben. Denn namhafte Stars wie Flavio Simonetti, einer der Begründer der Fitness-Youtuber-Szene in Deutschland, oder Alon Gabbay generieren mit ihren Videos inzwischen Abrufe in Millionenhöhe. Im Laufe der Jahre haben sie gelernt, ihre Reichweite geschickt zu vermarkten. Zu den Werbeeinnahmen von Youtube, die Branchenkenner auf bis zu zwei Euro pro tausend Klicks taxieren, gesellen sich Gelder von Sponsoren, deren Produkte die Bodybuilding-Idole in ihren Videos empfehlen.

Hinzu kommen zusätzlich E-Commerce-Umsätze durch Links auf Amazon-Stores, über die unter anderem selbst gebrandete Trainings-Shirts verkauft, Download-Gebühren für Power-Songs erhoben oder Affiliate-Links zu Trainings-Equipments oder Proteinpulver angeboten werden. Auf diese Weise kommen schnell gut fünfstellige Euro-­Beträge pro Monat zusammen. Schließlich ist die Fan-Base konsumfreudig. In der Hoffnung auf schnelle Erfolge lassen sich vor allem 16- bis 17-jährige ­Hänflinge, denen die Standard-Trainingsprogramme ihrer Fitnessstudios nicht schnell genug zum erwünschten Erfolg verhelfen, leicht das Geld aus der Tasche ziehen. Weil sie sich keinen eigenen Personal Trainer leisten können, suchen sie Hilfe im Web.

"Wenn man sich die Kunden in einem McFit-Fitnessstudio anschaut, wette ich, dass 90 Prozent ein gelabeltes T-Shirt von irgendeinem Fitness-Youtuber tragen", sagt Gildner. Das Problem sei nur: Viele der sogenannten Experten, die den ­Jugendlichen zu mehr Muckis verhelfen wollen, haben dafür gar keine Ausbildung. Der Begriff "Personal Trainer" ist nicht geschützt, der eigene Körper muss als Zeugnis für Kompetenz reichen. Und weil die Einstiegshürden ins Fitness-Youtuber-Business gering sind, schießen Trittbrettfahrer wie Pilze aus dem Boden, vermarkten ihr vermeintliches Wissen und hoffen, ohne Ausbildung oder Studium auf You­tube eine lukrative und langfristig sichere Zukunft aufbauen zu können.

Karl Ess: Mit Online-Fitness zum eigenen Ferrari

Einer, der wie kein anderer derzeit die Gier der Branche befeuert, ist Karl Ess. Auf 800.000 Euro pro Monat beziffert der 25-Jährige, der sich selbst als vegan lebenden Bodybuilding-Meister vermarktet, gegenüber "Onlinemarketingrockstars.de" sein derzeitiges Einkommen. In Youtube-Clips inszeniert sich der Stuttgarter, der sein Wirtschaftsingenieur-Studium für sein Online-Business abgebrochen hat, stolz mit einem fabrikneuen Ferrari F12. In Trainings-Videos funkelt gern auch mal eine Luxusuhr von Rolex oder Breitling an seinem Handgelenk. 329.000 Abonnenten und 80 Millionen Klicks zählt sein im April 2012 gestarteter Haupt-Youtube-Kanal. 780.000 Follower hat der Veganer auf Facebook, 100.000 folgen ihm auf Instagram.

"Ich bin an das ganze Projekt schon mit einer gewissen Planung ­herangegangen", sagte Ess in einem Interview mit Dasmili.eu. Sich selbst sieht er weniger als Youtuber, sondern als ­Unternehmer. Die wichtigste Einnahmequelle des Stuttgarters ist das sogenannte "360-Grad-Paket". Für einen sechsmonatigen Zugang zum Online-Coaching ihres Idols zahlen Ess-Fans zwischen 147 und 247 Euro. Außerdem ist der 25-Jährige Teilhaber am Klamotten-Label "Gym ­Aesthetics", an den Nahrungsergänzungsmittelherstellern Profuel und ­Vemma ­sowie an dem Energy-Drink-Anbieter Doc Weingart.

Dabei hat es Ess besser als andere verstanden, dass die Kasse lauter klingelt, wenn man sich mit anderen reichweitenstarken Fitness-Youtubern vernetzt und alle Partner dieselben Produkte vermarkten. Die Rechnung ging auf: Gym Aesthetics soll 2014 ­einen Umsatz von vier Millionen Euro ­erzielt haben - bei einer Gewinnmarge von 60 Prozent. Und allein der 39,90 Euro teure Pre-Workout-Booster "Tunnelblick" von Profuel hat sich seit der Markteinführung schon rund 10.000 Mal verkauft. Für Vemma baute Ess eine Art Schneeball-Vertriebssystem auf und akquiriert über den Online-Business-Club Dein-lifestyle-business.com neue Verkäufer.

Bei jedem verkauften Karton im Wert von 145 Euro verdient Ess mit. Penispumpen werden auf Youtube-Videos ­genauso vermarktet wie die Karl-Ess-Tournee: In verschiedenen Städten hat der Stuttgarter Kinosäle angemietet, eine Karte ist für 30 Euro zu bekommen. Teilnehmer sollen in sechs bis acht Stunden fit gemacht werden in Sachen Bodybuilding-Grund­lagen. Wenn es gut läuft, werden auch noch neue Verkäufer für Vemma gewonnen.

Deutlich seriöser im Auftreten wirkt ­Julian Zietlow, Erfinder von "Das10wochenprogramm.de" für Männer und dem ebenfalls zehnwöchigen Äquivalent für Frauen, "Size Zero". Anders als Ess hat Zietlow mit mehr als 3.000 Trainerstunden lange Jahre Erfahrung im Bereich Personal Training. In Sachen Selbstbewusstsein allerdings steht der Berliner seinem Stuttgarter Konkurrenten in nichts nach: "Ich habe Bodybuilding in den Mainstream ­gebracht", sagt der 29-Jährige, der gerade mit Size-zero.de die ehemalige "Bachelor"-Kandidatin Angelina Heger für ihren kurzen Auftritt im "Dschungelcamp" in Bikini-Form brachte.

Vor Heger absolvierten Tausende anderer Männer und Frauen, die Zietlow seine "Army" nennt, das Programm aus hartem Bodybuilding und Low-Carb-Diät und erleichterten zumindest ihren Geldbeutel dafür um stattliche 300 Euro. Doch zahlreiche Vorher-nachher-Bilder ehemaliger Kunden beweisen, dass die schnelle Körpertransformation mit genug Selbstdisziplin gelingen kann.

Fitnessstudios reagieren auf vorhandene Online-Fitness-Programme

Wenn man das Motto von Zietlows Programm hört - "Abgerechnet wird am Strand" -, kommt bei so viel sanftem Druck die Fitness ohnehin fast von allein. Bei seiner eigenen Abrechnung der vergangenen gut eineinhalb Jahre dürfte der Personal Trainer, so schätzen Branchenkenner, auf Umsätze von über vier Millionen Euro kommen. Auch sein Erfolg ruft Nachahmer auf den Plan. "Allein in den letzten eineinhalb Jahren nach mir kamen 18 Programme auf den Plan", schimpft Zietlow in einem aktuellen Youtube-­Video. "Davon haben allein vier mein 10-Wochen-Programm gemacht und zeigen meine Vorher-nachher-Bilder oder kopieren das Wording, das wir uns über die Jahre erarbeitet haben. Und von diesen 18 nehmen zehn anabole Steroide und Wachstumshormone."

Trotz der schwarzen Schafe in der Szene: Der Markt für Online-Personal-Training ist vorhanden. Und er wird weiter wachsen. "Das Modell Training anytime everywhere wird sich durchsetzen", ist auch Fredrik Harkort von Body Change überzeugt. Denn gerade Fitnessstudios mit vergleichbarem Angebot haben das Problem, dass ihre Mitglieder sie schnell gegen ein anderes austauschen.

Online-Trainings könnten das eigene Angebot erweitern und auch Kunden, die beispielsweise viel auf Geschäftsreise sind, das Gefühl vermitteln, ihren Beitrag nicht umsonst zu bezahlen. Erste Fitnessstudios reagieren bereits auf die wachsende Zahl von Online-Sportlern: Die Fitnesskette Fitness First kaufte im vergangenen Jahr den Online-Trainingsanbieter Newmoove. Auch einige ­renommierte Fitness-Youtuber erhielten bereits Kooperationsanfragen. Bislang lehnten sie die Offerten allerdings ab.

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