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Expansion ins Ausland Menschen statt Maschinen sprechen lassen

Shutterstock.com/Oleksiy Mark
Shutterstock.com/Oleksiy Mark

Nein, man spricht nicht deutsch - jedenfalls nicht überall. So einfach der internationale Handel  aus technischer und logistischer Perspektive ist, so anspruchsvoll ist das Thema Sprachanpassung.

Von Mirjam Müller


Für Online-Händler ist der Schritt ins Ausland inzwischen schnell und ohne teure Dependancen möglich,  dennoch sollten sie die Sprachbarrieren nicht unterschätzen. Kunden erwarten einen Shop, in dem sie in ihrer Muttersprache angesprochen werden. "Lokalisieren" heißt der Fachausdruck dafür. Häufen sich Fehler oder sprachliche Auffälligkeiten, vermindert das das Vertrauen in den Anbieter. Im schlechtesten Fall wechselt der Kunde in einen anderen Shop.

Der Luxusmodehändler Mytheresa.com hat seinen Webshop für nicht deutschsprachige Kundinnen übersetzt. "Bisher bieten wir unseren Shop in vier Sprachen an: Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch", erklärt Anke Königs, Teamleader International Markets bei Mytheresa.com. "Englisch bieten wir in allen Ländern an, die drei weiteren Sprachen nur dort, wo das im Rahmen der Lokalisierung sinnvoll ist - das heißt wo diese Sprachen entweder eine der offiziellen Landessprachen sind oder einen weiten Verbreitungsgrad aufweisen."


Bei der Expansion ins Ausland gehört die Übersetzung des Shops in die Landessprache zum Pflichtprogramm. Obgleich Übersetzungs-Tools stetig besser werden, setzen größere Händler heute fast ausnahmslos auf den Faktor Mensch. So leistet sich der Branchenriese Zalando für elf Sprachen jeweils Muttersprachler. "Zalando hat mehr als 13,5 Millionen aktive Kunden in 15 Ländern. Weil wir in jedem Land als lokaler Player sichtbar sein wollen, spielt die Lokalisierung eine sehr wichtige Rolle für uns", erklärt Remco van Zanten, Vice President Markets bei Zalando.


Lokalisierung bedeutet für Zalando mehr als nur Übersetzung. Der Modehändler richtet auch Sortiment, Kampagnen, Lieferung und Bezahlung auf die Gepflogenheiten in den unterschiedlichen Märkten aus. "In unseren Berliner Büros haben wir für jeden Markt ein Country Team, dessen Mitglieder meist aus dem Land kommen und für ein länderspezifisches Einkaufserlebnis sorgen", sagt van Zanten. Die Lokalisierung bezieht sich auch auf das Marketing, die Bezahlmöglichkeiten und die Kommunikation.

Auch bei Mytheresa.com erledigen eigens zu diesem Zweck eingestellte Mitarbeiter alle Übersetzungen. "Wir bauen ein Sprachteam aus Muttersprachlern auf, die idealerweise E-Commerce-oder Fashion-Erfahrung mitbringen", erklärt Königs. Das Team übernimmt den Einmalaufwand bei der Einführung der Sprache und anschließend die regelmäßig anfallenden Arbeiten. "Unser Sprachteam übersetzt im ersten Schritt den Shop, die gesamte Website, alle unsere Produktbeschreibungen sowie die gesamte Kundenkommunikation in der entsprechenden Landessprache. Anschließend übernehmen diese Mitarbeiter die regelmäßige Pflege und die Updates, insbesondere die Beschreibung von kontinuierlich eintreffenden neuen Produkten, Onsite-Materialien wie Promotion-Banners und die Offsite-Kommunikation in Form von Newslettern", präzisiert Königs. Wer kein eigenes Sprachteam hat, kann sich an Dienstleister wenden, die sich auf die Shop-Übersetzung spezialisiert haben.

Entscheidend ist die Planung


Um eine dauerhaft hohe Qualität zu gewährleisten, ist eine gute Planung das A und O vor der Einführung einer neuen Shop-Sprache. Das fängt beim Personal an und reicht bis zur Technik. "Für uns ist die wichtigste zu erfüllende Bedingung, dass wir qualifizierte Muttersprachler für uns gewinnen, die häufig direkt aus ihren ursprünglichen Heimatländern zu uns nach München ziehen", berichtet Königs von Mytheresa.com. Sie hat noch einen Tipp parat: "Es ist entscheidend, frühzeitig zu prüfen, ob alle Systeme, die in Shop- und Website-Darstellung involviert sind, die Sprachen verarbeiten und darstellen können." Dies betrifft beispielsweise Sonderzeichen in der französischen Sprache. Sofern die Anwendungen nicht in der Lage sind, mit Sonderzeichen umzugehen, müssen rechtzeitig technische Lösungen gefunden werden, damit der Start in der neuen Sprache in der gewünschten Qualität erfolgen kann.


Auch beim Online-Möbelhaus Home24 setzt man auf langfristig angelegte Inhouse-Lösungen. Das Unternehmen ist in fünf europäischen Märkten aktiv und stellt den Shop in drei Sprachen bereit: Deutsch, Französisch und Niederländisch. "Unseren Schweizer Kunden bieten wir einen mehrsprachigen Shop auf Deutsch und Französisch. Da wir in diesem Jahr in weitere Märkte expandieren, werden weitere Sprachen hinzukommen", berichtet Philipp Kreibohm, Gründer und Geschäftsführer von Home24. Dafür nutzt der Möbelhändler verschiedene Tools. Außerdem gibt es ein Inhouse-Team aus mehrsprachigen Textern und Übersetzern, das sich ausschließlich um Übersetzungen kümmert.


"Mit Übersetzungsbüros arbeiten wir nur sehr selten, da die Übersetzer elementarer Bestandteil unseres Teams sind und wir mit ihnen eine nachhaltige Inhouse-Lösung geschaffen haben", sagt Kreibohm.

Auch für ihn steht und fällt die Qualität eines Online-Shops mit korrekten Texten: "Besonders wichtig ist die gute Qualität der Übersetzungen, denn nur, wenn der Content unserer Seiten qualitativ hochwertig ist, überzeugen wir unsere Kunden", weiß der Geschäftsführer. Gerade die Fakten müssen richtig übersetzt sein - wenn es etwa um die Funktionalität oder Besonderheiten eines Produkts geht. Deshalb rät der Home24-Chef, "sich insbesondere bei komplexeren Übersetzungen nicht auf Online-Übersetzer zu verlassen, sondern lieber in Muttersprachler zu investieren." Wichtig sei auch, ausreichend Zeit einzuplanen, damit die Texte nicht nur korrekt, sondern auch mit Liebe zum Detail formuliert werden.

Wie wichtig die Sprache bei der internationalen Expansion ist, bestätigt auch Christopher von Hallwyl, Managing Director bei Shave-lab.com. Der Online-Shop für Rasierer und Klingen-Abonnements empfängt Besucher auf Deutsch, Englisch und Französisch. "Im Ausland haben wir unter eigenen Domains weitere Sprachen aufgesetzt: Tschechisch, Polnisch, Finnisch, Holländisch, Slowenisch und Serbisch", berichtet von Hallwyl. Pro Land fließt in die Übersetzung etwa ein Viertel der Entwicklungskosten des Stamm-Shops, gibt er Auskunft: "Die Sprachen mit eigenen Länderdomains haben wir mit Partnern vor Ort aufgesetzt und managen sie auch mit den Partnern."

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