Thomas Schnieders von Otto im Interview 19.03.2013, 07:09 Uhr

"Es geht nicht nur um neue Features"

Der Versandhändler Otto beendet die Zusammenarbeit mit Intershop und entwickelt eine eigene Shop-Software. INTERNET WORLD Business sprach mit Thomas Schnieders, Direktor E-Commerce, Innovation & Plattforms, über Ziele und Herausforderungen des Projekts.
Herr Schnieders, nach 13 Jahren trennen sich die Wege von Ihnen und Intershop. Warum kann der Software-Entwickler die Anforderungen von Otto plötzlich nicht mehr erfüllen?
Thomas Schnieders: Uns geht es nicht um die Frage, ob ein Standardsystem unsere Anforderungen erfüllen kann, sondern darum, wie wichtig das Softwareprodukt im Rahmen der Unternehmensstrategie ist. Natürlich sollten sich Handelsunternehmen auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren. Doch diese Kernkompetenzen verändern sich durch die digitale Revolution. Unser Geschäftsmodell ist nicht mehr der klassische Versandhandel, sondern E-Commerce. Und die wichtigste Einkaufsstätte, unser Web-Shop, besteht zu großen Teilen aus Software.
Würden Sie damit sagen, dass alle großen Onlinehändler auf Eigenlösungen setzen sollen?
Schnieders: Wenn Sie sich im Startup-Umfeld umschauen, stoßen Sie in der Regel auf Firmen, die sich Open-Source-Software zunutze machen. Schaut man auf die großen E-Commerce Player, also Unternehmen die über eine Milliarde Umsatz machen,  betreiben fast alle auch eine eigene Produktentwicklung. Diese ist ein wichtiges Werkzeug bei der Differenzierung und Innovation der Geschäftsmodelle.  Das ist mittlerweile auch gar nicht mehr so schlimm, weil die Komponenten, die man dafür braucht, im Open-Source-Umfeld so weit entwickelt sind, dass sie auf diese im Rahmen ihrer Produktentwicklung aufsetzen können.
Auch die Frage der Innovation oder der Einstellung zu Veränderung ist sehr stark mit Software und Technologiekompetenz verbunden. Wir verknüpfen in der Art und Weise, wie wir das machen, die Fachexperten eng mit den Technikexperten und versuchen so, das innovative Potenzial, das in der Technik und im Wissen um Technologie steckt, zu kapitalisieren. Nur so ist es möglich, der heute häufig durch Technologie getriebenen Veränderungsdynamik zu begegnen.
Was sehen Sie bei der Eigenentwicklung als größte Herausforderung?
Schnieders: Wir haben im Vorfeld im Rahmen einer Machbarkeitsstudie erprobt, ob das, was wir uns technisch vornehmen, auch wirklich funktioniert. Dabei haben wir festgestellt, dass die Technik-Anforderungen beherrschbar sind. Im Projektverlauf kristallisierte sich heraus, dass die Aufstellung des Teams, die Einführung neuer Arbeitsverfahren und Prozesse und die Kapitalisierung des Technologiepotenzials die eigentlichen Herausforderungen darstellen und damit ein gewaltiger Change verbunden ist. Eine weitere Herausforderung, die man bei der Größe von otto.de zwangsläufig hat, ist der Hochlastbetrieb.
Wir setzen darauf, dass die Zukunft des E-Commerce in der Personalisierung und Individualisierung des Angebots liegt. Bei der großen Kundenanzahl und mehreren Millionen Artikeln ist das Datenvolumen immens. Aber wenn Sie individualisieren wollen, können Sie viel weniger auf Caching-Mechanismen und Vorberechnungen zurückgreifen, um die Infrastruktur zu entlasten. Wir bauen daher jetzt eine Plattform, die individuell in der Lage ist, für jeden Kunden eine individuelle User-Experience zu schaffen, ohne auf massives Caching zurückgreifen zu müssen. Darüber hinaus müssen wir zukünftig immer mehr Endgeräte wie Smartphones oder Tablet-PC integrieren, was die Komplexität erheblich treibt.

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