Expert Insights 09.03.2017, 08:10 Uhr

Wie die Autoindustrie von Augmented Reality profitiert

Die digitalisierte Industrie 4.0 setzt schon seit geraumer Zeit auf AR und VR. Die Automobilbranche zum Beispiel hat die Technologien schon fest in Planung, Konzeption, Analyse, Produktion, aber auch im B2B- und B2C-Bereich integriert.
Franziska von Lewinski, Vorstand fischerAppelt
Für kaum eine andere Branche sind Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) so interessant wie für die Automobilindustrie. Gerade im Zuge der Industrie 4.0, bei der deutsche Unternehmen im weltweiten Vergleich führend sind, spielen die beiden Technologien für Fahrzeughersteller wie Zulieferer eine essentielle Rolle.
Die Automobilindustrie ist bei der Digitalisierung ihrer Prozesse hierzulande die am weitesten fortgeschrittene Branche und kann virtuelle und erweiterte Realitäten in jedem Schritt der Wertschöpfungskette einsetzen. Dies bestätigt eine KPMG-Studie, die 260 relevante Anwendungsbereiche von AR/VR auf ihre Branchenrelevanz prüfte und konstatiert, dass diese für die Automobilindustrie nahezu in jedem Bereich als richtungsweisende Technologien eingestuft werden können.

AR macht Komplexes verständlich

Das macht Autobauer und Zulieferer zum Vorreiter bei der Implementierung von AR/VR in die internen Betriebsprozesse. Eine DB Research-Untersuchung geht davon aus, dass der Weltmarkt für AR branchenübergreifend bis 2020 von 500 Millionen (2015) auf 7,5 Milliarden Euro steigen wird.
Tatsächlich haben Mercedes-Benz und Co die Chancen der neuen Technologien längst erkannt und investieren in VR und nun auch in AR, welche unter anderem in Forschung, Entwicklung, im Design- und Planungsprozess, der Wartung oder der Produktion Anwendung finden.
Speziell in der "erweiterten Realität" schlummert für die Autoindustrie noch reichlich Potenzial, weil AR einen entscheidenden Vorteil aufweist, der die Prozesse der produzierenden Branchen optimieren kann: Mit AR lassen sich komplexe Zusammenhänge plastisch und so leicht verständlich darstellen. Dabei profitiert man in VR und AR davon, dass man mit dem Computer natürlich interagieren kann. In diesen mehrdimensionalen Realitäten kann man Objekte, die nur als Pläne existieren, ganz anders begreifen, weil das eigene Verhalten sich in der virtuellen Welt alltagsgemäß spiegelt. Werkstücke können virtuell konzipiert und ihren Einbau in ein spezifisches Fahrzeug mit einer AR-Anwendung simulieren werden. So ersparen sich Konstrukteure die tatsächliche Anfertigung vieler Entwürfe, Forschungs- und Entwicklungskosten werden reduziert und der Entwicklungsprozess verkürzt.

Produkte emotional erleben

AR bietet zudem zahlreiche Einsatzmöglichkeiten im B2B- wie B2C-Bereich. Die Liste erstreckt sich vom Marketing und Vertrieb über Learning und Education, bis hin zum Personalwesen, dem After Sales und dem Kundenservice.
Zum Beispiel lassen sich Produkte im Marketing durch AR und VR emotional erlebbar machen. Das beginnt bei der Darstellung eines 3D-Modells des gewünschten Fahrzeugs durch die Aktivierung der AR-Brille mit einem Barcode im Prospekt und endet bei der virtuellen Testfahrt.
Über diese Entwicklung hinaus hat die Technologie den günstigen Nebeneffekt, dass der Händler auch dem Kunden die möglichen Varianten plastischer darstellen kann, ohne diese auch alle im Lager tatsächlich physisch vorhalten zu müssen. Dies vereinfacht den Vertrieb von personalisierten Produkten und senkt darüber hinaus die Lagerhaltungskosten wesentlich.

Reparaturen leicht gemacht

Die Einsatzmöglichkeiten von AR zielen ferner darauf ab, die Kundenbindung langfristig und vertrauensvoll zu gestalten und die Zufriedenheit des Kunden zu verbessern. Hier sind neue Möglichkeiten im Bereich von Wartung und After-Sales-Services entscheidend. Steht die nächste Wartung an, muss der Fahrer nicht mehr in die Werkstatt. Eine App zeigt ihm in AR auf, wie das Öl zu wechseln ist. In Deutschland wurden 2014 nur 4 Prozent der Pkw-Reparaturen von den Kunden selbst durchgeführt. Das könnte sich durch AR-Tools ändern.
Bosch hat ein solches System mit "CAP Automotive" schon im Einsatz. Auch in der Werkstatt selbst setzt man auf AR: Der Mechaniker richtet die Kamera auf den "angeschlagenen" Motor und das Gerät weist defekte Teile aus - auf dem Bildschirm eingefärbt und mit Teilenummer und Einbauhinweisen versehen.
Dabei kann sich die Automobilindustrie auf den Forschungsstandort Deutschland verlassen: Bei den Forschungspublikationen zu AR/VR rangieren Deutschlands Wissenschaftler gemeinsam mit Japan an dritter Stelle (hinter USA, China). Dabei bekommt besonders der Max-Planck-Gesellschaft eine exponierte Rolle zu; die MPG steht bezüglich der Zahl der Publikationen zu den dreidimensionalen Effekten im Umfeld von AR sogar weltweit an der Spitze.
Eine Herausforderung wird es für deutsche Autobauer sein, ihre Kunden von AR zu überzeugen. Denn im weltweiten Vergleich liegen die deutschen mit acht Prozent AR-Nutzern hinter dem weltweiten Schnitt von zehn Prozent zurück.

Kinderleichte Qualitätssicherung

Auch lassen sich fehlerhafte Produktionsabläufe per AR-App frühzeitig identifizieren und mithilfe spezifischer AR-Tutorials, welche die einzelnen Handgriffe virtuell verdeutlichen, direkt beheben, ohne dass ein Experte anwesend sein muss. Hier eröffnet AR eine zusätzliche Schnittstelle für einen weltweiten, medienbruchfreien Informationsfluss. Dies senkt Kosten und beschleunigt Wartungs- oder Reparaturarbeiten. Zudem lässt sich AR in der Produktion und Analyse anwenden, um Fertigungsabläufe zu verbessern und die Qualität der Angebote durch regelmäßige virtuelle Checks zu sichern.
Natürlich lassen sich auf diese Weise auch virtuelle Rundgänge an Produktions- oder Lieferantenstandorten durchführen und Produktionsprozessen in Echtzeit begutachten, ohne vor Ort sein zu müssen. Dies erscheint besonders relevant, weil sich rund 67 Prozent der Kosten wegen Qualitätsmängeln auf Lieferantenfehler zurückführen lassen. Ohnehin erhöhen AR-Tools die Effizienz von Produktionsprozessen auch deshalb, weil Datenbrillen dem Mitarbeiter in Form von personalisierten Checklisten und farblichen Symbolen die nächsten Arbeitsschritte visuell anzeigen, den Prozess in Echtzeit dokumentieren, ihn mit der betriebsinternen Datenbank (beispielsweise Lager usw.) abgleichen und betriebswirtschaftliche Angaben gleich in die SAP-Software einspeisen.

"Erweiterung" des Cockpits

Autos mit Internetanbindung werden künftig das Rennen machen - spätestens 2020 sollen Fahrzeuge mit "smarter" Windschutzscheibe und anderen AR-Technologien den Markt durchdrungen haben. Was bislang Navigationsgeräte leisteten, bieten nun "Virtual Windscreens" an. Per App meldet sich der Fahrer an, in der Folge nimmt das Auto die Einstellungen vor - auf den jeweiligen Fahrer passend abgestimmt.
In der digitalen Windschutzscheibe werden in Echtzeit situative und personenbezogene Informationen angezeigt, virtuell direkt in Sichtfeld integriert. Der Fahrer kann seinen Blick auf die Straße richten, um Staumeldungen, alternative Routen oder die Tankanzeige zu empfangen. Ablenkung beim Autofahren gehört der Vergangenheit an. Auch antizipiert das smarte Fahrsystem die Ideallinie, weist durch Einblendungen auf den potenziellen Bremsweg hin und erkennt Gefahren, noch bevor der Fahrer diese erspähte.
Das heißt: Viele der vorgestellten Innovationen hat die Autoindustrie bereits in ihre internen Prozesse integriert oder auf Automessen vorgestellt. Die Zukunft des Autofahrens ist also schon real - in der "Augmented Reality".




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