Schweizerische Bundesbahn
09.10.2015, 08:20 Uhr

SBB: Zügig zum Digitalisierungsziel

Konsequent greift die Schweizerische Bundesbahn auf das Know-how von Start-ups zurück, um ihre Geschäftsmodelle zu digitalisieren und zu erweitern: ein innovatives Konzept eines Staatskonzerns.
Manuel Gerres, Start-up-Verantwortlicher der SBB
(Quelle: SBB)
Die Schweizerische Bundesbahn, kurz SBB, beschreitet zielstrebig den Weg der Digitalisierung. Eine eigene Abteilung screent über ein standardisiertes Verfahren ständig, welche Erfolg versprechenden Start-up-Technologien auf den Markt kommen.
Dadurch muss die SBB nicht selbst eine oft aufwendige Entwicklung betreiben, die sie viel Geld und wertvolle Zeit kosten würde. Wie das Staatsunternehmen dabei ganz neue digitale Services entdeckt, schildert der Start-up-Verantwortliche bei der SBB, Manuel Gerres, im Gespräch mit INTERNET WORLD Business. 

Wie sieht das Konzept aus, sich Produkt­ideen von jungen Unternehmen zu holen?
Manuel Gerres: Wir haben zwei Ansätze: Zum einen ein internes Research, bei dem wir untersuchen, welche Herausforderung unsere unterschiedlichen Geschäftsbereiche bei der Digitalisierung haben und welche digitalen Services wir daraus oftmals auch mit Start-up-Technologien entwickeln wollen. Zum anderen können sich Start-ups von sich aus mit ihrer Idee an uns wenden.

Wie sieht das Vorgehen konkret aus?
Gerres: Wir schauen uns 120 bis 150 Start-ups weltweit pro Jahr an. In einer ersten Validierungsphase sieben wir Unternehmen aus, die nicht unseren Suchkriterien entsprechen. In der nächsten Runde dürfen die Start-up-Gründer eine Viertelstunde vor ­einer internen SBB-Jury pitchen.
Die Jury stellen wir aus verschiedenen geschäftsfelderübergreifenden Abteilungen zusammen, um im Unternehmen Rückhalt für diese Ideen zu bekommen. Dann entscheiden wir relativ zügig, meist noch vor Ort, ob wir eine Idee weiterverfolgen wollen oder nicht. Wenn ja, stellen wir einen Mitarbeiter ab, der sich im Detail damit auseinandersetzt und einen Markttest entwirft.
Dann gehen wir erneut vor eine interne Jury. Stimmt sie zu, testen wir meistens drei bis sechs Monate operativ und Hand in Hand mit unseren Kunden anhand bestimmter Kennzahlen. Anschließend entscheidet ein drittes Mal eine ­Juryrunde, wie es weitergehen soll: Integration des Start-ups in die SBB, Herauskaufen der Technologie oder längerfristige partnerschaftliche Kooperation.

Anhand welcher Kennzahlen prüfen Sie, ob der Markttest erfolgreich war?
Gerres: An erster Stelle steht bei uns immer die Kundenakzeptanz, wir sind ja sehr B2C-fokussiert. Außerdem prüfen wir ­natürlich auch die Wirtschaftlichkeit und ob unser Kommunikationskonzept aufgegangen ist.

Wie lange dauert so ein Verfahren?
Gerres: Vom ersten Kontakt bis zu dieser Entscheidung planen wir etwa neun ­Monate ein. Übers Jahr hinweg bleiben so von den 120 bis 150 Ideen sechs bis sieben übrig.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Gerres: Ein Thema war die Parkplatzbewirtschaftung. Wir besitzen 25.000 Parkplätze rund um die Bahnhöfe. Allerdings war das Parken dort nicht so bequem: Der Kunde musste erst einmal schauen, ob noch ein Platz frei ist, dann das Auto abstellen, zum Ticket-Automaten und zurück zum Auto laufen, bevor er zum Gleis gehen konnte.
Das ist im Zeitalter der weltweiten Digitalisierung nicht mehr das, was der Kunde von uns erwartet. Also haben wir  gescreent, was für Technologien es für die Parkplatzbewirtschaftung bereits gibt und uns fünf Start-ups angesehen. Die Wahl fiel auf das Züricher Start-up Park-it.  Wir haben einen Piloten an einigen Park+Rail-Parkplätzen gestartet, bei dem Nutzer der Park-it-App auf die SBB-Parkplätze zugreifen konnten.

War der Pilotversuch erfolgreich?
Gerres: Die Kundenakzeptanz war gut, ­sodass wir uns letztlich entschieden haben, unser ganzes Parkplatzgeschäft auf die Park-it-App auszurichten. Deswegen ­haben wir die App-Technologie bei Parkt-it herausgekauft. Daraus ist die SBB Park+Rail-App entstanden, sodass unsere Kunden jetzt endlich einen Großteil unserer Parkplätze vorab per Smartphone reservieren, bezahlen und den digitalen Parkschein wenn ­nötig auch verlängern können. Und mittlerweile sehen wir, dass sich dadurch auch völlig neue Zusatzservices ergeben.

Was für Services sind das?
Gerres: Das Auto steht rund neun Stunden auf dem Parkplatz. Also denken wir darüber nach, was in dieser Zeit damit geschehen könnte, etwa eine Wäsche oder ein Reifenwechsel. Wir schauen uns auch Technologien zur Schlüsselübergabe an, um den Kofferraum als Lieferort für ­Online-Bestellungen zu nutzen. Daran kann man die Effekte der Digitalisierung gut erkennen: Durch die digitale Verwaltung der Parkplätze ergeben sich völlig neue Services und aus einem relativ drögen Thema wird plötzlich ein Lifestyle-Thema.
Gibt es auch Ideen, die wider ­Erwarten überhaupt nicht funk­tioniert haben?

Gerres: Ja klar, Flops gibt es ­sogar relativ oft. Wir hatten die Idee für einen Crowd-basierten SBB Butler-Service, bei dem SBB-Kunden ihre Dienste anderen anbieten, etwa stellvertretend die Oma vom Gleis zum Taxi zu begleiten. Unsere Kunden haben das aber überhaupt nicht angenommen, da konnten wir an den Stellschrauben drehen wie wir wollten. Sie wollten professionelle Helfer. Vielleicht war es noch zu früh für einen solchen Ansatz.
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