re:publica 07.05.2014, 16:01 Uhr

Wie weit darf Big Data gehen?

Big Data hilft Werbungtreibenden, ihre Kunden besser zu verstehen. Die Informationen können aber auch zur Gefahr für die menschliche Freiheit werden. Das war Thema auf der re:publica in Berlin.
Ein kanadischer Psychotherapeut schrieb in einem Artikel, dass er im Jahr 1965 LSD genommen hatte. Bei seiner Einreise in die USA wurde er verhört, jeder weitere Besuch des Landes wurde ihm verweigert. Ein Grenzbeamter hatte ihn gegoogelt. 

Eine Kommission in den USA entscheidet jeden Tag, ob Strafgefangene auf Bewährung freikommen. Dazu bedient sie sich eines automatisierten Vorhersageverfahrens. Der österreichische Jurist und Hochschullehrer Viktor Mayer-Schöneberger nennt auf der re:publica in Berlin diese Beispiele, um zu zeigen, was mit Big Data bereits heute möglich ist. "Big Data könnte unsere Art zu leben, unsere Freiheit zerstören. Dagegen müssen wir aktiv werden", sagt er. Zehn Millionen Fotos werden auf Facebook jede Stunde hochgeladen, 400 Millionen Tweets pro Tag versendet, Google verarbeitet ein Petabyte Daten pro Tag - im Jahr 2000 seien noch drei Viertel der Daten analog gewesen, heute seien es weniger als ein Prozent.
Die Zunahme der Datenquantität könne auch zu einer neuen Qualität führen, meint der Jurist. Er vergleicht das mit dem Fotografieren: "Wenn ich ein Foto von etwas mache und auf den Gegenstand fokussiere, wird das andere unscharf. Mit Big Data, kann ich im Nachhinein festlegen, was für mich wichtig ist", argumentiert Mayer-Schöneberger. Wenn man enorm viele Daten sammele, dann sei es egal, wenn einzelne Teile unscharf seien. Scheinbare Zusammenhänge in den Daten zeigten, was passiert, aber nicht, warum etwas passiert.

Big Data könne mit Daten aus der Vergangenheit die Zukunft voraussagen. Das mache die Welt einschätzbarer, sei aber auch gefährlich. Künftig könnten so etwa Verbrechen voraus gesagt werden und infolgedessen Menschen für etwas bestraft werden, das sie noch gar nicht verbrochen haben. "Wer aufgrund von Vorhersagen bestraft wird hat, gegenüber dem Staat keinen freien Willen mehr. Aber wenn ich keinen freien Willen mehr habe, kann ich für mein Handeln auch nicht mehr schuldig sein, es wäre das Ende der menschlichen Handlungsfreiheit", erklärt Mayer-Schöneberger. Menschen könnten beispielsweise aufgrund von Vorhersagen zu ihrem Fahrverhalten keine Autoversicherung bekommen oder müssten eine viel höhere Prämie zahlen, ohne jemals einen Unfall verursacht zu haben.

Mayer-Schöneberger nennt auch Lösungsvorschläge, um ein solches Szenario zu verhindern: Man müsse Datensysteme schaffen, die auch vergessen können. Als erfolgreiches Beispiel nennt er den Messaging-Dienst Snapchat. Aber auch der Datenschutz müsse gestärkt werden: "Wir brauchen ein Grundgesetz für das 21. Jahrhundert. Wir brauchen Grundrechte, die uns vor der Vorhersage schützen." Big-Data-Analysen müssten transparenter werden und es müsse die Chance der Widerlegbarkeit von Vorhersagen geben. "Das Problem ist nicht die Vorhersage, sondern für welche Zwecke sie eingesetzt wird", resümiert Mayer-Schöneberger.

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