Kommentar 30.03.2016, 14:22 Uhr

Twitter: Warum die Welt kein zweites Facebook braucht

Twitter hat ein neues Feature: bis zu 420-Zeichen lange Bildunterschriften. Eine weitere Annäherung an Branchenprimus Facebook. Twitter hat das nicht nur nicht nötig, sondern schaufelt sich so sein eigenes Grab.
(Quelle:  Shutterstock.com/ tanuha2001)
Amerikanische Highschool-Filme zeigen: Alle wollen so sein wie die beliebtesten Schüler - wie die Prom-Queen und der Quarterback. Der Weg zum Ziel ist oft Anpassung. Dass so etwas keine langfristige Lebensstrategie sein kann, wird den meisten klar, wenn sie der Pubertät entwachsen sind. In der Social-Media-Welt ist Facebook die Prom-Queen. Und alle anderen Mädchen der Social-Schule wollen auch so beliebt sein.
Bestes Beispiel aktuell: Twitter. Mitten in der Adoleszenz steckend versucht der Micro-Blogging Dienst offenbar alles, um dem uneinholbar scheinenden Branchenprimus langsam immer ähnlicher zu werden. Und schafft das mit verschiedenen Änderungen, neuen Features und Kooperationen. So änderte Jack Dorsey, Twitter-Gründer und seit Oktober der - wie es scheint - unbeliebteste CEO der Firmengeschichte, trotz Dementi kurz darauf die Zusammensetzung des Newsfeeds. Statt chronologisch geordnet erscheinen Tweets jetzt nach "Wichtigkeit" sortiert. Das bedeutet aber: Ein für die User nicht nachvollziehbarer Algorithmus sortiert die Meldungen nach seinen Kriterien.
Weiter ging es mit Kooperationen mit Yelp oder Ströer. Durch die wird nicht nur kräftig Geld in die Twitter-Kassen gespült - der Vogel wird auch immer mehr in ein "f" gepresst.

Die 140-Zeichenbegrenzung fällt langsam

Und jetzt fällt auch noch die letzte Barriere: die 140-Zeichenbeschränkung, Twitters Alleinstellungsmerkmal. Schon im September lösten Spekulationen über eine Möglichkeit längerer Tweets heftige Gegenwehr der Community aus. Offiziell bestätigt wurde zunächst nichts, dementiert allerdings auch nicht. Bis letzte Woche. Als Dorsey in einem Interview mit dem US-Fernsehsender NBC verkündete, die Beschränkung werde auf jeden Fall bleiben.
Nun kommt sie aber doch, die Aufhebung. Durch eine Hintertür mit Bildunterschriften. Denn die sollen zusätzliche 420-Zeichen erlauben. Wenn man für eine prägnante Aussage nur 140 Zeichen braucht, wieso dann 420 um ein doch für sich sprechendes Bild zu beschreiben?
Twitter tarnt die Neuerung zwar mit  Blindenfreundlichkeit und freiem Zugang für ein größtmögliches Publikum - denn auch Menschen mit Sehbehinderung haben auf die Beschreibung über ihre Unterstützungstechnologien Zugang. Was dahinter steckt dürfte bei der Entwicklung des Microblogging-Dienstes in den letzten Monaten allerdings klar sein.
Doch was will Twitter erreichen, wenn sich immer mehr von den Usern geschätzte Features ändern? Wird in San Francisco wirklich die Milchmädchenrechnung gemacht, man könne an Beliebtheit gewinnen, wenn man seine Individualität, seinen USP, aufgibt? Und muss man das überhaupt, die Rücklichter vom davon eilenden Facebook heller leuchten sehen?

Es ist zu früh, Twitter den Tod voraus zu sagen

Natürlich kämpft Twitter. Mit stagnierenden Nutzerzahlen, mit "toten Accounts" und damit auch mit der Monetarisierung. Denn auch wenn der Kurznachrichtendienst seine Verluste in Q4 2015 etwas verringern konnte, macht er immer noch Verlust. Und der Löwenanteil der Einnahmen kommt natürlich durch Werbung. Der verringert sich aber, wenn die User weniger - oder zumindest nicht mehr - werden.
Problematisch werden besonders die ungenutzten Accounts. Laut eigener Angaben hat Twitter weltweit zwar 320 Millionen im Monat aktive Nutzer (Facebook bringt es auf 1,6 Milliarden), brachte es aber laut StatCounter im Februar nur auf 4,8 Prozent der Social-Media-Aufrufe auf der ganzen Welt. Damit landet Twitter hinter Pinterest (6,6 Prozent) und Facebook (85 Prozent) nur auf dem dritten Platz.
Trotzdem ist es bei Weitem noch zu früh, eine Grabstätte für Twitter zu ordern. Zumindest dann, wenn die sehr treue Community nicht vollends durch unnötige Social-Media-Uniformität vergrault wird. Ein Facebook gibt es schon, ein zweites braucht die Welt nicht. Twitter sollte sich seine Einzigartigkeit bewahren.

Twitter und Facebook haben andere Funktionen

Denn im Kern haben die beiden Sozialen Netzwerke eine andere Funktion und damit auch eine andere Zielgruppe. Die Facebook-ähnlichen Features bringen Twitter, wie es die User schätzen, nichts. Während Twitter ein Platz für prägnante kurze Statements ist, ein Platz, um immer auf dem neuesten Stand zu sein, ist Facebook ein Ort, um Freunde zu informieren was man gerade macht. Beim Zuckerberg-Netzwerk macht ein Algorithmus Sinn, der mir Posts meiner engsten Freunde bevorzugt anzeigt. Bei Twitter will ich keine Sortierung nach Wichtigkeit, ich will die aktuellste News ganz oben. Bei Facebook ist es hilfreich, Freunden anzuzeigen, dass man sich in einer Yelp-Location befindet. Bei Twitter nur dann, wenn ich etwas Witziges und Unterhaltsames für eine große Follower-Zahl zu dieser Location sagen kann. Und auch eine Zeichenbegrenzung wäre bei Facebook fehl am Platz. Bei Twitter ist das allerdings der, der seine Aussage nicht in 140-Zeichen packen kann.
Vielleicht gewöhnen sich die Twitter-User an die neuen Features. Die Community damit zu vergrößern und der Stagnation der Nutzerzahlen Einhalt zu gebieten, scheint allerdings fraglich. Und eines sollte man aus all den Highschool-Filmen ja auch gelernt haben: Sich durch Äußerlichkeiten in eine Rolle zwängen, die nicht die eigene ist, führt nie zum Erfolg. Am Ende gewinnen auch in US-Teenie-Komödien immer die Individualisten.



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