DLD-Gründerin 11.01.2017, 10:45 Uhr

Steffi Czerny: "Amerikanische Events schmoren oft in ihrem eigenen Saft"

Am kommenden Sonntag geht die Digitalkonferenz DLD in München in eine neue Runde. Wir sprachen mit Gründerin Steffi Czerny über die Digitalthemen 2017, den zunehmenden Event-Hype und twitternde Politiker.
Steffi Czerny, Geschäftsführerin DLD Media und Gründerin der Digitalkonferenz DLD
(Quelle: Hubert Burda Media/Andreas Pohlmann)
Lassen Sie uns zu Beginn einen Blick auf das vergangene Jahr werfen. Welche Digitalthemen aus 2016 sind Ihnen - im positiven wie im negativen Sinn - im Gedächtnis geblieben?  
Steffi Czerny: Das vergangene Jahr war für mich wie ein retardierendes Moment inmitten des ganzen Internet-Hypes. Themen wie Fake News, Hacker, Wahlkampf von Trump oder die Privacy-Diskussion haben den Schwung des Netzes und den Optimismus des Webs ein bisschen gebremst. Es wird viel Geld im Internet verdient und dort große Geschäfte gemacht, aber jetzt wird man doch nachdenklicher was die Digitalisierung von Geschäften und von Privatsphären angeht.
Was lässt sich daraus für dieses Jahr schlussfolgern, was wünschen Sie sich? 
Czerny: Im Grunde wünsche ich mir, dass diese Nachdenklichkeit auch Sinn macht. Dass man nicht nur schreckhaft innehält, sondern die Angst in produktive Kritik umwandelt und darüber spricht, die Dinge diskutiert. Ich finde, dass viele Themen wie Fake News noch oberflächlich behandelt und nicht tiefergehend diskutiert werden. Ich wünsche mir für 2017, dass deutsche Politiker sich wirklich mit dem Thema Medienkompetenz auseinandersetzen. Wenn ein deutscher Politiker einen Twitter-Account hat, denkt er schon, er versteht das Internet. Wenn man ernsthaft über Privacy und Transparenz nachdenkt, muss man sich überlegen, wo das Ganze überhaupt anfangen soll. Da müsste man im Kindergarten beginnen Kinder sachgerecht an die Medien heranzuführen. Die Frage, ob Facebook längst nicht ein Publisher ist, gehört hier ebenfalls dazu. Die Diskussion mit sozialen Netzwerken darf jedoch nicht auf einer Bashing-Ebene geführt werden. Man muss sich mit den Vertretern zusammensetzen und überlegen, welche Regelwerke man definieren kann, die beiden Parteien nützen.
Können Digital-Events diese Diskussionen noch zufriedenstellend abbilden oder kratzt man nicht immer nur an der Oberfläche? 
Czerny: Aktuell gibt es ja fast schon einen Event-Hype, solche Veranstaltungen schießen förmlich aus dem Boden. Für mich sind aber Events wie der DLD im Grunde wie ein Magazin. Es gibt einen Feuilleton-, einen Business, einen Service- und einen Entertainment-Teil, also einen Mix von Inhalten und sehr hochkarätigen Speakern, die alle die Digitalisierung vorantreiben möchten. Ob es nun einen wirklichen Impact hat, wenn jemand auf einem Kongress auftritt, kann man pauschal nicht sagen. Aber wenn man überlegt, dass auf solchen Events oft mehrere hundert Journalisten sind, die darüber berichten und immer wieder auf diesen "Wie verändert man die Welt"-Gedanken hinweisen, glaube ich schon, dass in manchen Köpfen etwas geschieht. Ich finde, dass Branchentreffs, bei denen keine echten Diskussionen geführt oder der Finger nicht in die Wunde gelegt wird, hingegen deutlich weniger bewegen. Das ist dann ein nettes Netzwerk-Event, das sicherlich auch wichtig ist. Aber man muss eben klar unterscheiden, in welcher Kategorie welche Veranstaltung angesiedelt ist.
Lassen Sie uns zur DLD wechseln. Sie können ja regelmäßig namhafte Speaker verzeichnen. Was glauben Sie, was reizt einen WhatsApp-Gründer oder, wie in diesem Jahr, einen Microsoft-Chef an der DLD? Ist es der Name Burda? 
Czerny: Ich bin der Überzeugung, dass es eine Kombination aus beidem ist, die hier interessant ist. Hubert Burda ist schon sehr früh in die USA gegangen, er war der erste deutsche Verleger, der die großen US-Bosse getroffen hat, um zu erfahren, was der Hype im Silicon Valley für das deutsche Verlagsgeschäft bedeutet. Hubert Burda ist also schon ein Name, der dort bekannt ist. Das Argument der Durchreise nach Davos zum Weltwirtschaftsforum ist auch ein Aspekt. Wir haben vor 12 Jahren den DLD bewusst so früh im Jahr veranstaltet, um gute Leute zu kriegen. Inzwischen ist es aber so, dass viele der Sprecher nur für den DLD kommen und nicht nach Davos weiterfliegen. Ein dritter Aspekt ist, dass wir den DLD ja inzwischen nicht nur in München veranstalten, sondern auch in Israel oder in New York. Und da kann man dann nicht mehr von einer Durchreisestation nach Davos sprechen.
 
Was sind für Sie Vorbilder bei Digitalkonferenzen?  
Czerny: Ich gehe selbst oft auf Konferenzen und habe viele Vorbilder. Am meisten lernen kann man für mich von großen Konferenzformaten aus Amerika. Das sind die Leit-Events der Branche. Sie sind sehr locker, fast Etikette-frei, voller Persönlichkeiten mit starken Botschaften. Mich interessieren also nicht die Corporate-Präsentationen des x-ten Digitalgipfels, sondern mich interessieren die Menschen auf den Konferenzen, die Visionäre, die Unerwarteten. 
Der USP vom DLD gegenüber den US-Konferenzen ist, dass wir sehr viele internationale Leute einladen. Die amerikanischen Veranstaltungen schmoren hingegen oft in ihrem eigenen Saft, es gibt in der Regel nur wenig internationale Speaker.
Inzwischen gibt es zahlreiche namhafte Digitalveranstaltungen, von dmexco, DLD über Rockstars bis hin zu d3con und vielen kleineren Events. Wie bewerten Sie die Zunahme an solchen Veranstaltungen? Kannibalisieren diese sich nicht irgendwann selbst? 
Czerny: Der Feind des Guten ist das Bessere. Wenn jemand eine gute Idee hat, ist er hoffentlich visionsstark genug, diese durchzusetzen - das betrifft auch Events. Die Kunst einer guten Konferenzdramaturgie ist es, die Neugier des Besuchers so stark am Leben zu erhalten, dass er immer wieder kommen will.




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