Kunden zum Kauf gedrängt 01.09.2015, 11:05 Uhr

Vorgetäuschte Verknappung: Zalando abgemahnt

"Noch drei Artikel verfügbar" - tatsächlich? Nach Recherchen des NDR ist Zalando von der Wettbewerbszentrale abgemahnt worden. Der Vorwurf: Der Online-Händler habe irreführende Angaben gemacht.
Pakete von Zalando: Wieviel Ware ist tatsächlich noch verfügbar?
(Quelle: Shutterstock.com/Pieter Beens)
Verknappung ist ein alter psychologischer Trick: wenn Kunden glauben, dass nur noch wenige Exemplare eines gewünschten Produktes verfügbar sind, schlagen sie schneller zu. Diesen Trick soll sich auch der Online-Modehändler Zalando zunutze gemacht und dabei Verknappung nur vorgetäuscht haben. Das haben Recherchen des Norddeutschen Rundfunks (NDR) ergeben. Demnach konnten bei Tests in mehreren Fällen mehr Kleidungsstücke bestellt werden, als auf der Internetseite angegeben waren ("Drei Artikel verfügbar").
Auf Nachfrage der Rundfunkanstalt habe das Unternehmen eingeräumt, dass der Warenbestand aus technischen Gründen nicht in Echtzeit dargestellt werde, bei den Angaben handle es sich um einen Mindestbestand. Peter Brammen von der Wettbewerbszentrale bezeichnete dies als eine "Irreführung der Verbraucher", die Organisation hat Zalando deshalb abgemahnt und wegen falscher Angaben  mit "gerichtlichen Maßnahmen" gedroht.
Das E-Commerce-Unternehmen erklärte daraufhin gegenüber dem NDR, man begrüße "stets einen Dialog mit Verbraucherschutz- und Wettbewerbsinstitutionen". Inzwischen hat Zalando die Angaben auf seiner Seite geändert, Interessenten eines Kleidungsstückes bekommen nun die Angabe "mehr als drei Artikel verfügbar" angezeigt.
Der Berater für Conversion Optimierung Web Arts hat sich mit dem Thema Verknappung bereits vor einiger Zeit befasst und nennt Beispiele für Abmahnungen. "Unsere Erfahrungen mit Verknappung als Conversion 'Booster' sind sehr positiv.  Wir testen das zum Beispiel auch mit zeitlich begrenzten Aktionen - aber nur, wenn diese Aktionen wirklich zeitlich begrenzt sind", so Gabriel Beck, Mitglied der Geschäftsleitung bei Web Arts, die Betreiber des Blogs konversionskraft.de, zu INTERNET WORLD Business. Im stationären Handel gebe es das Phänomen der Verknappung ja schließlich auch, aber dort sei die physische Verfügbarkeit von Produkten meist besser zu überblicken.

Zalando und die Flüchtlinge

Zalando hat indessen auch von anderer Seite Ärger. So wirft der Chefredakteur des "Tagesspiegel" Lorenz Maroldt dem Online-Händler in einem Newsletter vor, dieser komme seiner gesellschaftlichen Verantwortung beim Flüchtlingsthema nicht nach: "Zeltstädte für Flüchtlinge soll es zwar 'so lange wie möglich' nicht geben, aber der Flughafen Tempelhof ist eine Option. Und schon gibt's Ärger: Der Bread-&-Butter-Investor Zalando, so ist zu hören, hat der Betriebsgesellschaft mitgeteilt, dass er gar nichts davon hält, wenn seine Messebesucher mit Flüchtlingsmode konfrontiert würden. So sehen sie aus, die Brüder: Fördermillionen vom Land Berlin kassieren - ok. Gesellschaftliche Verantwortung übernehmen - ach ne. Klarer Fall von Retour."
Zalando-PR-Chef René Gribnitz reagierte auf diesen Vorwurf auf Nachfrage von Gründerszene.de gereizt: "Wir haben in dieser Angelegenheit überhaupt keine Entscheidungsgewalt. Die liegt alleine beim Senat. Zalando sei gefragt worden welche Folgen es hätte, wenn die große Halle im Flughagen Tempelhof zu einer zentralen Anlaufstelle für Flüchtlinge gemacht und ein bis zwei weitere Hallen als Flüchtlingsunterkünfte genutzt würden. Zalando habe daraufhin geantwortet, dass die Modemesse "Bread & Butter dann nicht stattfinden könne.
Über seine Umsatzentwicklung kann der Versandhändler mit Sitz in Berlin dagegen nicht klagen. Bei Zalando lief es im zweiten Quartal 2015 so gut, dass die Prognosen für das Gesamtjahr angehoben wurden.

Die Erfolgsstory von Zalando - gegründet nach dem Vorbild des US-Versandhändlers Zappos - begann 2008. Inzwischen hat sich das einstige Start-up unter den umsatzstärksten deutschen Webshops etabliert.


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