Gastkommentar 21.10.2015, 08:10 Uhr

Selbstgemachter Zahlensalat im E-Commerce

Gerrit Heinemann, Leiter des eWeb Research Center an der Hochschule Niederrhein, ist kein Freund der bevh-Zahlen zum deutschen E-Commerce-Markt. Auf Internetworld.de erklärt er jetzt, warum.
Gerrit Heinemann ärgert sich über Widersprüchlichkeiten in den bevh-Zahlen zum E-Commerce-Markt
(Quelle: Gerrit Heinemann)
Mittlerweile dürfte allen Kennern der Szene klar sein, dass bei dem E-Commerce-Zahlensalat der letzten Jahre nunmehr ein besonderes Augenmerk auf die veröffentlichten Online-Umsätze geworfen wird. Auch darf nicht mehr verwundern, dass erkennbare Inkonsistenzen bei den veröffentlichten Online-Zahlen von Verbänden und Institutionen jetzt genauer als bisher hinterfragt werden.
Während bislang allerdings der Zahlensalat im E-Commerce eher durch die erheblichen Streuungen zwischen den Umsatzangaben der verschiedenen Handelsverbände zustande kam, scheint dieser mittlerweile hausgemacht zu sein. Die auf der eigenen Homepage veröffentlichten Umsatzzahlen des bevh zum E-Commerce in Deutschland ("bevh-Studie 2014") strotzt vor Widersprüchen und Inkonsistenzen.
Diese ist der bevh auf Anfrage nicht einmal zu klären bereit: So werden für den interaktiven Handel inklusive Dienstleistungen einen Gesamtumsatz von 60 Milliarden Euro brutto und 51 Milliarden Euro netto angegeben, davon 7,4 Milliarden Euro für klassische Bestellwege und 43,6 Milliarden Euro für Online-Kanäle. Auf den nächsten Seiten beträgt das Gesamtvolumen plötzlich nur noch 49,1 Milliarden Euro, wovon dann klassische Bestellwege nur noch 7,2 Milliarden Euro erwirtschaften und der Online-Handel auf 41,9 Milliarden Euro kommt. Fehlen mal eben 1,9 Milliarden Euro.

Berechnung der Bruttoumsätze

Weiteres Beispiel: Zunächst wird ein "Online-Gesamtvolumen Dienstleistungen" in Höhe von von 9,4 Milliarden Euro ausgewiesen, an anderer Stelle sind es plötzlich 10,9 Milliarden Euro. Weiterer Zahlensalat ergibt sich bei der Berechnung der Bruttoumsätze (60 Milliarden Euro). Hier wurde pauschal 19 Prozent Mehrwertsteuer angesetzt und demnach die Mehrwertsteuer um rund 600 Millionen Euro zu hoch ausgewiesen, da unter anderem Bücher und teilweise Lebensmittel nur sieben Prozent Mehrwertsteuer aufweisen und Medikamente zum Teil sogar mehrwertsteuerbefreit sind.
Noch ein bischen nachgewürzt wird der Zahlensalat bei der Ausweisung der Online-Anteile am gesamten Handelsumsatz: Hier werden die HDE-Zahlen von 2014 in Höhe von offensichtlich 460 Milliarden Euro netto zugrunde gelegt, allerdings auch für 2013. Zwischen 2013 und 2014 wuchs das gesamte Handelsvolumen aber um rund 1,8 Prozent, so dass es statt 460 Milliarden Euro in 2013 nur maximal 452 Milliarden Euro netto gewesen sein können. Demnach lag der Anteil des interaktiven Handels in 2013 bei 11,3 Prozent statt 11,1 Prozent.
In der Konsequenz bedeutet dies, dass der Anteil des interaktiven Handels am Gesamtmarkt zwischen 2013 und 2014 sogar geschrumpft ist, was dem überproportionalen Umsatzrückgang der Katalogversender respektive katalogabhängigen Online-Händler zuzuschreiben ist, die alleine schon bei ihren Online-Umsätzen um rund 3,5 Prozent und damit im Kataloggeschäft annähernd um neun Prozent, also von 8,1 auf 7,4 Milliarde Euro, zurückgegangen sind.

Keine "Pure Verticals"

Es geht weiter: So wird bei den Online-Marktplätzen offenbar der gesamte Deutschland-Umsatz von Amazon berücksichtigt. Dabei ist nur rund ein Drittel des Amazon-Handelsvolumens dem Marktplatz zuzuschreiben, also rund acht Milliarden Euro in Deutschland echter "Einzelhandelsumsatz". Diese acht Milliarden Euro müssten streng genommen Amazon als Online-Pureplayer zugeschrieben werden, wodurch diese auf einen Gesamtumsatz von 14 Milliarden Euro kommen würden und damit deutlich besser und bedrohlicher dastünden als in den aktuellen Statistiken.
Bei den Herstellern fehlen offensichtlich "Pure Verticals" wie unter anderem Ikea, H&M und Zara, die in Deutschland zusammen auf mindestens 1,9 Milliarden Euro Online-Umsatz kommen. Dementsprechend summieren sich die Online-Umsätze der Hersteller inklusive Verticals auf rund 2,9 Milliarden Euro Umsatz (Plus von 98 Prozent gegenüber 2013).
Fazit: Selbst gemachter Zahlensalat! Und: das Rezept wird nicht verraten! Was soll man dazu noch sagen -  außer, dass er so nicht schmeckt?

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