Illegaler Online-Handel
21.03.2016, 08:15 Uhr

Dark Commerce im Darknet

Drogen, Falschgeld, Geheimnisse: Im Darknet wird alles gehandelt, was der Anonymität bedarf - in einer E-Commerce-Umgebung, die auf eigenartige Weise vertraut erscheint.
(Quelle: Shutterstock.com/guteksk7)
Von Stefan Mey
Topqualität verspricht der Händler: 3,5 Gramm Kokain für rund 300 Euro. Geruchssicher verpackt sollen die Drogen in spätestens acht Tagen beim Käufer ­ankommen. Auch im Angebot: ein Paket Falschgeld, zehn 50-Euro-Scheine für 70 Euro. Willkommen im kommerziellen Teil des Darknet. Auf illegalen Online-Marktplätzen wie Alphabay oder Hansa Market werden Drogen, Falschgeld und manches andere gehandelt, als wären es Schuhe oder ­Bücher. Hat man den ersten Schock angesichts der Vielfalt illegaler Waren überwunden, kommt die Verwunderung: Die digitale Parallelwelt wirkt seltsam vertraut. Neu angemeldete Nutzer werden freundlich begrüßt, das System erklärt die Marktplatzregeln und wünscht eine gute Zeit.

Eine geheime Parallelwelt

Das Darknet hat in den letzten Monaten eine rasante mediale Karriere hingelegt. In der Regel wird im Anschluss an die Verhaftung eines Händlers über die digitale Parallelwelt berichtet, die, so heißt es meist, ebenso faszinierend wie erschreckend ist.
Der Begriff Darknet bezeichnet Teile des Internets, die durch Verschlüsselungstechnologien gezielt vor Überwachung und Enttarnung geschützt sind. Dafür gibt es verschiedene technische Wege. Faktisch hat sich heute vor allem ein Ansatz durchgesetzt: die Verschlüsselung mithilfe der Software Tor. Die schickt Anfragen an die Darknet-Webseiten über zufällig ausgewählte Internet-Knoten mehrmals um den Globus. Die digitale Tarnkappe lässt die verräterische IP-Adresse des Nutzers verschwinden. Mit einem Browser auf ­Basis von Tor kann man zum einen unerkannt im normalen Netz surfen, zum ­anderen existiert eine Art inoffizielle Top-Level-Domain fürs Darknet: .onion. Die .onion-Inhalte sind für normale Browser unsichtbar und lassen sich nur per Tor aufrufen. Solche "Hidden Services" sind meist gemeint, wenn die Rede auf das Darknet kommt.

Das Darknet hat zwei Gesichter

In der Öffentlichkeit hat das Darknet zwei Gesichter: Auf der einen Seite gilt es als Schutzraum für Whistleblower und Dissidenten, die sich vor staatlicher Verfolgung schützen, auf der anderen Seite als ein Ort des Bösen, an dem Waffen den Besitzer wechseln und im großen Maßstab Kinderpornografie gehandelt wird.
Viele der kursierenden Geschichten ­erweisen sich allerdings eher als ein ­Mythos. Zwar haben einige große Medien unter .onion abhör­sichere Portale für Whistle­blower installiert und tatsächlich verbergen Oppositionelle in Diktaturen ihre Kommunikation immer wieder in der ­Anonymität des Darknet - aber auch wer lange sucht, findet kaum ­Beispiele für eine politische Nutzung.
Auch eine Dämonisierung wird der Rea­lität des Darknet kaum gerecht. Kinderpornografie wird durchaus in geheimen Darknet-Foren getauscht, sagt Thomas Hofmann, Mitarbeiter des Referats Kinderpornografie bei der Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität beim Bundeskriminalamt. Das geschehe aber auch im normalen Netz: "Im öffentlich zugänglichen Bereich gibt es vorwiegend bereits bekanntes, älteres kinderpornografisches Material. Tor-Boards im Darknet suchen Pädophile auf, wenn sie Interesse an neuem Bild- und Video-­Material haben." Eine kommerzielle Pädo-Industrie im Darknet scheint es jedoch nicht zu geben.
Von seltenen Ausnahmen abgesehen habe man bisher nicht feststellen können, dass es in den Tor-Boards um Geld gehe, meint Hofmann. Und Waffen werden höchstes im sehr kleinen Stil gehandelt, verrät sein BKA-Kollege Dirk Büchner vom Referat Operative Auswertung der Gruppe Cybercrime: "Uns sind zum jetzigen Zeitpunkt lediglich Einzelfälle mit Deutschlandbezug bekannt, in denen Waffen über illegale Marktplätze gehandelt wurden." Am ehesten dürfte das Darknet heute ­eine Art illegale Einkaufsmeile sein, vor allem für die üblichen Party-, Aufputsch- und Entspannungsdrogen.
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