E-Commerce 19.01.2016, 10:30 Uhr

Online-Möbelhandel: Die nächste Revolution

Seit Jahren prognostizieren Experten die Online-Revolution im Möbelmarkt - 2015 war das Jahr, in dem sich der angekündigte Boom erstmals in Zahlen ausdrückte.
Lieferanten von Möbeln
(Quelle: Fotolia.com/stmool)
Die letzten Zahlen von Rocket Internets "Proven Winner" Home24 fielen ein weiteres Mal spektakulär aus - in jeder Hinsicht: 172,3 Millionen Euro Umsatz ­erzielte der Möbelversender von Januar bis September 2015, ein Wachstum von 63,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Noch schneller wuchs nur der Verlust, das Minus nahm um 78 Prozent auf 60,5 Millionen Euro zu.
Home24 verfolgt die bereits von Zalando bekannte Strategie: schnell und aggressiv wachsen, Prozesse optimieren, Marktanteile besetzen - und die Profitabilität erst anvisieren, wenn man als neuer Player den Möbelhandel im Internet umfassend umgekrempelt hat, vorzugsweise bevor die Investoren die Geduld verloren haben. Zwei bis drei Jahre wird Home24 diesen Kurs sicher noch durchhalten, schätzen Experten - und dafür weitere Finanzierungsrunden anschieben, wie CEO Domenico Cipolla kürzlich in einem Interview ankündigte.
Das raketenhafte Wachstum von Home24 ist nur eines von vielen Anzeichen für die Revolution auf dem Möbelmarkt: Schon vor zwei Jahren erklärten Branchenexperten, der Online-Tsunami, der altbekannte Strukturen wegspült und auf dessen Welle neue Player reiten, werde als Nächstes dieses Segment erreichen.

Der Nutzer als treibende Kraft

Rund sieben bis zehn Prozent des deutschen Gesamtumsatzes im Möbelmarkt (2014: 31,3 Milliarden Euro) werden 2015 wohl online erzielt werden. Die Prognosen der einzelnen Quellen differieren stark, doch Einigkeit herrscht, was das Wachstum des Online-Marktes angeht: Um über 50 Prozent jährlich legte der E-Commerce-Umsatz mit Möbeln in den letzten zwei Jahren zu, die Marke dürfte auch 2015 ­wieder übersprungen werden. Jeder vierte Internet-Nutzer hat bereits Möbel online gekauft, nur 15 Prozent können sich einen Möbelkauf im Netz nicht vorstellen.
Viele Filter: Auf Moebel.de können User das Sortiment nach Farbe, Größe, Stil, Material, Preis und Händler filtern
(Quelle: moebel.de)
"Der Verbraucher ist der Möbelbranche in Sachen Online-Handel voraus", so Jens Rothenstein, Senior Projektmanager am IFH Köln und Co-Autor des Thesenpapiers "Digitalisierung im Möbelhandel". Vorbei also die Zeiten, in denen es hieß: "Möbel muss man anfassen und ausprobieren, ­bevor man sie kauft." Die Kunden schätzen am Online-Möbelkauf vor allem die große Auswahl, die Filtermöglichkeiten sowie die schnelle Lieferung. Ganze Wohnlandschaften werden per 2-Mann-Lieferung durch die Republik gekarrt, vor Ort aufgebaut und auch problemlos wieder ­zurückgenommen. Das allerdings ist selten nötig: Die Retourenquote der meisten Online-Versender von Möbeln liegt zwischen drei und zehn Prozent.
Wie heißen die wichtigsten Player dieser Revolution auf dem Möbelmarkt? Noch führt Ikea Deutschland die Rangliste der Online-Umsätze an, knapp vor Home24. Fast 190 Millionen Euro setzten die Schweden im abgelaufenen Geschäftsjahr 2014/2015 im Netz um - Peanuts für den Möbelriesen mit einem deutschen Gesamtumsatz von 4,4 Milliarden Euro.

Ikea macht es Online-Kunden schwer

Dennoch: Der Online-Anteil wuchs um über 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr, was umso erstaunlicher ist, als Ikea im Netz weiterhin mit angezogener Handbremse fährt: Die berühmt-berüchtigten Kleinteile aus den SB-Hallen, mit denen Ikea rund 40 Prozent seines Umsatzes macht, können im Online-Shop nicht bestellt werden, nur die Verfügbarkeit in der Filiale lässt sich prüfen.
Die Teile, die verschickt werden, kommen nur mittels ungewöhnlich hoher Versandkosten zum Kunden. Sogar für Click & Collect fallen nachgerade unverschämt hohe Gebühren an. Ikea macht es seinen Online-Kunden derzeit so schwer wie möglich, um sie auf die Fläche zu drängen - dennoch scheint die Strategie für die Schweden bisher aufzugehen, den Unkenrufen der meisten Berater zum Trotz.
"Ikea ist eine starke Marke, fast schon ein Lebensgefühl", erklärt Rothenstein das gelb-blaue Phänomen. "Die sind eine Ausnahme. Aber auch Ikea geht parallele Wege, zum Beispiel mit ­Abholstationen für Online-Bestellungen wie in Leipzig." Damit testet das schwedische Möbelhaus vorsichtig eine Entfernung vom eigentlichen Geschäftskonzept des ­Familienausflugs auf die grüne Wiese.

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