Gastkommentar
16.02.2015, 13:30 Uhr

Stoppt das Amazon-Bashing!

Amazon zahlt keine Steuern, behandelt Mitarbeiter schlecht und verstößt gegen Corporate-Governance-Regeln? E-Commerce-Professor Gerrit Heinemann findet: Der deutsche Handel ist keinen Deut besser.
(Quelle: Gerrit Heinemann)
von Gerrit Heinemann
Joseph Schumpeter (1883-1950) zählt zweifelsohne zu den herausragenden deutschsprachigen Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Die von ihm begründete  Innovationstheorie liest sich wie die Geschichte von Amazon, Google, Facebook & Co: Demnach wird ein innovativer Unternehmer durch seine Innovation zu einem Monopolist, aber nur so lange, bis neue Nachahmer auftreten oder seine Innovation durch andere Entwicklungen verblasst.
Die Betonung liegt auf dem Wechselspiel und der Bereitschaft der anderen Marktteilnehmer, die Innovation zu imitieren oder sogar zu übertrumpfen. Handelt es sich bei den Mitbewerbern allerdings um träge Marktführer oder erfolgsverwöhnte Traditionalisten, hat der Innovator auch das Potenzial, zu einem dauerhaften Monopolisten aufzusteigen. Diese Gefahr besteht derzeit in der Tat im deutschen Einzelhandel, der bisher offensichtlich immer noch nicht realisiert hat, zu welch einer Gefahr sich der Innovator Amazon entwickeln kann.
Während im englischsprachigen Raum eine regelrechte Mobilisierung gegen die Feuerwalze von Jeff Bezos stattfindet, werden in deutschen Landen noch eher die Zeichen auf "Lauffeuer statt Feuerwalze" gedeutet. So katapultieren WalMart und Macy’s in den USA oder John Lewis in UK  jeweils mit Milliardenaufwendungen ihre E-Commerce-Plattformen in kürzester Zeit zu ernstzunehmenden Amazon-Gegnern, wohingegen die deutschen Stationärhändler immer noch ihr Leitmotiv oder gar Heil in einer Flächenexpansion sehen. Großangelegte Filialschließungen in den USA wie beispielsweise bei Staples oder RadioShack bei parallel durchgeführten Online-Offensiven auf der einen Seite, weitere Flächenexpansion mit mehr als einer Million Quadratmeter zusätzlicher Verkaufsfläche auf insgesamt über 124 Millionen Quadratmeter im vergangenen Jahr und kaum ernstzunehmenden Systeminvestitionen in deutschen Landen auf der anderen Seite.
Zwar sprechen die Chefs von Rewe oder Metro von ihren Online-Offensiven, stecken aber kaum mehr als ein Prozent ihrer Investitionsbudgets in die Digitalisierung, während stationäre Händler im englischsprachigen Raum bis zu 50 Prozent ihrer Mittel in Zukunftssysteme allokieren und zugleich ihre Verkaufsflächen reduzierenbeziehungsweise zurückbauen. Statt Imitation oder Nachahmerei findet im deutschen Handel eher Verweigerung und üble Nachrede statt: In den weihnachtlichen "Dauerbrennerstreik bei Amazon" werden mittlerweile die unterschiedlichsten Streikgerüchte eingestreut. Von schlechten Arbeitsbedingungen ist die Rede, Missbrauch von arbeitsfördernden Maßnahmen der Agentur für Arbeit, Dumpinglöhnen und - immer wieder gerne aufgetischt - von Steuertricksereien.

Steuertricksereien?

Auch Karstadt hat in den nahezu 15 Jahren, in denen Amazon nunmehr auf dem deutschen Markt tätig ist, kaum bis gar keine Steuern bezahlt. Der Essener Warenhauskonzern schreibt seit Gründung des Online-Handels Verluste und schiebt mittlerweile gigantische Verlustvorträge vor sich her, die wahrscheinlich auch mit ein Übernahmegrund von Benko waren. Wer Verluste schreibt, der hat auch nichts zu versteuern, zahlt also auch keine Steuern. Gleiches gilt für Amazon: Amazon hat seit Gründung noch nie so richtig Geld verdient und investiert den - mit mehr als fünf Milliarden US-Dollar - doch recht hohen Chash Flow in weiteres Wachstum. Der Metro-Konzern kommt bei in etwa gleicher Umsatzhöhe in 2013 auf nicht einmal halb so viel Cash-Flow, tritt aber beim Umsatz seit Jahren auf der Stelle und desinvestiert sukzessive mit Rückzug aus zahlreichen Ländermärkten.
Aber nur das Gegenteil von Desinvestition, nämlich forcierte Investition in Zukunftsmärkte unter Gewinnverzicht, ist aus Sicht eines Innovators im Schumpeterschen Sinne sinnvoll und eine seriöse Option für jedes Unternehmen einer Marktwirtschaft. Die DM Drogeriemärkte sind auch nur so zum Marktführer geworden und deren Gründer Götz Werner prangert Gewinne gar als kundenfeindlich an. Auch DM hat sich mit recht bescheidenen Überschüssen bisher in Deutschland zum Marktführer entwickelt und sich dabei nicht als Steuerquelle hervorgetan. Warum auch? Wer mehr Steuern zahlt als notwendig, gilt nicht als helle und bekommt Stress mit seinen Anteilseignern und Aktionären. In diesem Sinne hat auch Amazon bisher auf legale Weise nicht viel versteuert, genauso so wie Karstadt nicht, allerdings mit einem Unterschied: Bei dem Einen steht das Vorzeichen auf Zukunft, bei dem anderen eher auf Vergangenheit, auch wenn angeblich der demographische Wandel für Karstadt spricht, so wie der Gewerkschaftsvertreter im Beirat von Karstadt neulich bemerkte.



Das könnte Sie auch interessieren