Börse
08.02.2016, 07:55 Uhr

Der Online-Handel ist Anlegers Liebling

Die Bewertung von Amazon an der Börse entzieht sich traditionellen Mustern. Doch auch andere Player boomen. Warum steht der Online-Handel so hoch im Kurs?
(Quelle: shutterstock.com/hywards)
Von Jochen Krisch
Seit der Jahrtausendwende sind nicht mehr so viele Online-Händler an die Börse gegangen wie in den vergangenen beiden Jahren. Und speziell Amazon hat 2015 eine Kursexplosion erlebt, die es in der Börsenbewertung erstmals an Wal­mart vorbeiziehen ließ. Warum schätzen die Anleger Amazon & Co. auf einmal so hoch ein? Im Jahr zuvor war das schließlich noch ganz anders. 2014 hatte Amazon eines seiner schwärzesten Jahre. Auf den misslungenen Einstieg in den Smartphone-Markt mit dem Fire Phone folgten Abschreibungen in Höhe von Hunderten von Millionen von US-Dollar und entsprechende Kursrückgänge.
Im Jubiläumsjahr 2015 lief für Amazon hingegen alles wie am Schnürchen. Amazon gab den Investoren das, was sie ­sehen wollen: Wachstumsraten von 20 Prozent (in den USA: plus 25 Prozent) und neue ­Umsatzrekorde, zudem (zwar minimalste, aber doch über den Erwartungen liegende) Ge­winne. Und erstmals auch zusätzliche Transparenz, was das Technologiegeschäft mit den Amazon Web Services angeht.
So wird Amazon für 2015 erstmals Umsätze von mehr als 100 Milliarden US-Dollar vermelden können, zusätzlich zu den Marktplatzumsätzen, von denen in die Amazon-Bilanz nur die Provisionseinnahmen einfließen. Doch ist für ein Unternehmen, das kaum Gewinn ausweist, eine Börsenbewertung von 300 Milliarden US-Dollar und mehr gerechtfertigt? Unter klassischen Gesichtspunkten sicher nicht.

Wie profitabel ist Amazon im Kern?

Amazon entzieht sich weiterhin einer klassischen Bewertung nach dem klassischen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Agiert es doch nicht wie ein regulärer, am Markt bereits etablierter Handels- und Technologiekonzern, der jährlich seine Dividende abwirft, sondern immer noch wie ein wachstumsstarkes Jungunternehmen mit großen Ambitionen.
So optimiert Amazon bewusst den Cashflow anstatt der Gewinne. Solange die Einnahmen jeden Monat um ein Erhebliches über den Ausgaben liegen, hat Amazon genügend flüssige Mittel zur Hand, um sich milliardenschwere ­Zukäufe und Investitionen zu leisten. Auf Dauer funktioniert das ­allerdings nur, wenn Amazon weiter stark wächst. Ernsthaft sorgen müssten sich die Anleger vor allem dann, wenn Amazons Ambitionen schwinden und die Wachstumsraten plötzlich unter zehn Prozent fielen. Dann würde das Modell Amazon implodieren.
Doch wie profitabel arbeitet Amazon heute schon? Die ausgewiesenen Gewinne helfen einem hier nicht weiter. Zur Beurteilung müsste man das Pferd von hinten aufzäumen und sich fragen: Könnte Amazon heute bereits die für eine derartige ­Bewertung erforderlichen Gewinne im zweistelligen Milliardenbereich vorweisen, wenn es nicht mehr in Wachstum, in die (Logistik-)Infrastruktur und neue Geschäftsfelder investieren würde, wenn es also zum Beispiel sein kostspieliges Prime-Programm und andere Aktivitäten einstellen oder kräftig zurückschrauben würde?
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