"Wir müssen mehr Mut haben"
10.12.2009 10:37 Tanja Gabler
Er ist begeistert von der grenzüberschreitenden Kommunikation, sieht in den digitalen Supermächten eine Gefahr und fordert mehr Investitionen - sevenload-Gründer Ibrahim Evsan sprach mit internetworld.de über Chancen und Risiken der digitalen Evolution sowie sein neues Buch Der Fixierungscode.
Herr Evsan, beim Lesen Ihres neuen Buchs „Der Fixierungscode" hatte ich den Eindruck, dass es sich eher an Offliner richtet. Stimmt das?
Ibrahim Evsan: Genau. Ich wollte meine Erfahrungen aufschreiben, schließlich merke ich an mir selbst, wie internetfixiert ich bereits bin. Bei diesem Buch kam es mir aber besonders darauf an, dass es jeder Leser verstehen kann, ohne irgendeine Vorkenntnis über das Internet. Die andere Hälfte des Buchs ist auch - aber nicht nur - für Onliner gedacht, denn viele kennen Google, aber nur wenige wissen, wie viele Daten diese digitale Supermacht über uns sammelt und wie wir unsere digitale Selbstbestimmung zurückerobern können.
Die meisten User machen sich darüber wenig Gedanken. Sie sehen im Internet vor allem neue Möglichkeiten.
Evsan: Und die sind großartig, vor allem die absolute Kommunikationsfreiheit, die Möglichkeit, internationale Freunde bequem online zu treffen und weltweit Geschäfte zu machen, sowie die unglaubliche Menge an Wissen. Wir tippen eine Frage ein und in Sekundenbruchteilen erhalten wir die Antwort. Das wissen wir oft gar nicht zu schätzen, obwohl es erst seit zehn Jahren diese Möglichkeit der rasanten Information gibt. Wir haben uns schnell daran gewöhnt. Die Möglichkeiten sind wirklich fast unbegrenzt, man muss in Deutschland nur mehr Mut haben, Dinge zu entwickeln.
Und doch nehmen in Ihrem Buch auch die Risiken einen großen Raum ein. Was sehen Sie als Hauptproblem?
Evsan: Viele Menschen merken gar nicht mehr, wie oft und wie lange sie online sind und was sie alles im Netz machen. Dabei geht unendlich viel Zeit verloren, die dann anderweitig wie im Privatleben fehlt. Wir müssen uns mit der digitalen Welt auseinandersetzen, aber vielen fehlt die Erfahrung, um sich ein differenziertes Bild machen zu können. Das Internet ist in unserer Zeit ein mehr oder weniger großer Bestandteil unseres täglichen Lebens geworden, aber eben nur ein Bestandteil. Wie groß dieser sein kann oder darf, das muss jeder Nutzer für sich selbst entscheiden; dabei möchte ich mit dem Buch Hilfestellungen und Anregungen geben.
Alle User sollten sich eine Strategie überlegen, mit der sie ihr digitales Netzwerk erweitern können, ohne ihre Privatsphäre zu gefährden, schreiben Sie. Wie machen Sie das selbst?
Evsan: Ich empfinde mich selbst schon fast als Testperson, ich überschreite Grenzen, um zu sehen, was passiert und um diese Erfahrungen an andere weiterzugeben. Insofern bin ich ein Pionier, der neue Wege beschreitet, um andere vor den dort lauernden Gefahren zu warnen und um von den neuen Möglichkeiten zu berichten. Ich empfehle nicht, meine Offenheit nachzuahmen. Vielmehr möchte ich auch darauf aufmerksam machen, dass unsere digitalen Fußspuren, die wir hinterlassen, auf ewig sichtbar sein werden. Deshalb sollte man sich - besonders Jugendliche - sehr gut überlegen, welche privaten Informationen man ins Netz stellt. Personalabteilungen schauen heute verstärkt im Netz danach um, welche Informationen dort über die Kandidaten zu finden sind.