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„Unbesetzte Nischen finden“

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05.01.2012

INTERVIEW: MITTELSTÄNDISCHER EINZELHANDEL

„Unbesetzte Nischen finden“

Die Münchner Rid-Stiftung unterstützt Einzelhändler mit kostenlosen Schulungen und Beratungen auf dem Weg ins Web

 

Peter Habit leitete mehr als 30 Jahre lang den Fachverlag Hüthig Jehle Rehm. 2009 wurde der Jurist zum Vorstand der Münchner Rid-Stiftung berufen. Der 68-Jährige konzentriert sich auf die Weiterentwicklung des Bildungsprogramms der Stiftung.

www.ridstiftung.de

Unten das Fachgeschäft für Heimtextilien, oben der Think Tank für den Einzelhandel: Im Schatten des Münchner Rathauses hat die Rid-Stiftung ihren Sitz. Seit mehr als 20 Jahren fördert sie das Qualitäts- und Servicebewusstsein im bayerischen Einzelhandel durch Seminare, Stipendien und Coachings. Diese sind für Einzelhändler kostenlos. Zunehmend liegt der Schwerpunkt der Veranstaltungen auf E-Commerce: „Wer in seinem Metier zu den Besten gehören will“, begründet Vorstand Peter Habit die Bildungsoffensive, „braucht Wissen und Kompetenz“.

Seit geraumer Zeit konzentriert sich die Rid-Stiftung auf E-Commerce. Braucht der Einzelhandel in dieser Disziplin Nachhilfe?

Peter Habit: Die Einnahmen des Einzelhandels stagnieren seit zehn Jahren, obwohl die Branche in der Fläche wächst. Das Internet ist ein bedeutendes Wachstumsfeld und nicht mehr nur Option, sondern Pflicht für Händler. Zu beobachten ist, dass Pure Player gerade etwas verlieren, dafür Multichannel-Konzepte zulegen. Die Rid-Stiftung hilft Händlern beim Erarbeiten von Online-Strategien.

Was fördern Sie konkret?

Habit: „Es reicht nicht, nur gut zu sein, es geht darum, zu den Besten zu gehören“ – war das Motto unseres Gründers Günther Rid. Wer in seinem Metier zu den Besten gehören will, braucht Wissen und Kompetenz. Das liefert die Stiftung in Form von Fachseminaren, einer Summer School, dem E-Commerce-Kongress. Wir fördern Stipendien und ausgewählte Betriebe zudem ein Jahr lang durch ein Coaching-Programm. Mit Experten richten sie dabei ihr Online-Geschäft effizienter aus. Danach werden sie drei Jahre begleitet, um bei der Umsetzung zu helfen. Über 70 Händler haben so ein Coaching absolviert, viele sind Marktführer in ihren Segmenten.

Wer bewirbt sich bei der Rid-Stiftung?

Habit: Unsere Teilnehmer spiegeln den Einzelhandel wider. Alle Branchen sind vertreten, Textilien, Optik, Möbel, Kosmetik, Baumärkte, Haushalts- und Eisenwaren, Gartenbedarf. Sie agieren regional und mussten sich bisher nicht der nationalen Konkurrenz stellen. Spannend ist die Heterogenität in den Kursen, sie wirkt befruchtend. Andere Branchen eröffnen neue Sichtweisen.

Was braucht der Handel für’s Internet, was macht er falsch?

Habit: Wir haben ermitteln lassen, was die größte Einstiegshürde darstellt. Mehr als 65 Prozent der Befragten klagten über fehlendes Know-how, erst danach folgten Kriterien wie Kosten oder Größe. Die Händler sehen Amazon, Weltbild, Otto und wissen nicht, was sie ihnen entgegensetzen können. Da greifen wir ein und liefern praxisnahe Informationen. Demnächst startet die Fortbildung zum E-Commerce-Manager, sie geht auch der Frage nach, wie ein Schuhhändler gegen Zalando bestehen kann.

Und kann er?

Habit: Ja natürlich – aber der Einstieg in den E-Commerce ist für mittelständische Betriebe eine Herausforderung. Ihre besonderen Qualitäten, der persönliche Umgang mit Kunden und ihre Professionalität in ein virtuelles Geschäft zu übertragen, ist nicht einfach. Es gilt wie im traditionellen Geschäft, Stärken und Schwächen zu überprüfen, Alleinstellungsmerkmale zu entwickeln und unbesetzte Nischen zu finden. Die gibt es im Internet noch zuhauf. Das beweisen die Teilnehmer der Coachings. Ein Paradebeispiel ist Wäsche Reich aus Rosenheim. Das Traditionsunternehmen ging mit Calidashop. de online und startet mit Onmyskin. de bald einen weiteren Fach-Wäsche-Shop. Oder auch Graf-Dichtungen.de, hier wurde ein gelungenes Fachportal für Fenster- und Türdichtungen am Markt positioniert. Handwerker finden hier heraus, welche Dichtung zu welcher Tür oder welchem Fenster passt.

Ist Mobile schon ein Trend, den Einzelhändler mitmachen müssen?

Habit: Mobile-Commerce gehört sicher zur Handelszukunft. Aktuelle Herausforderung ist aber, für den Multichannel-Vertrieb alle verfügbaren Kanäle miteinander zu verzahnen und die internen Prozesse abzustimmen – dies konsequent bis zum Schluss, bis zur oft unterschätzten Logistik. Dabei sollte man auch die Mitarbeiter mitnehmen – eine unterschätzte Aufgabe. Wir sehen das bei Betten Rid. Da begegnen wir Vorbehalten und Ängsten von Mitarbeitern, diese gilt es ernst zu nehmen und über Fortbildung und Informationen abzubauen. Heute kommen viele Kunden besser informiert in die Läden und erwarten mehr Services – Verkäufer müssen darauf reagieren können und das eigene Online-Angebot kennen.

Wie profitiert die Stiftung vom Bettenfachgeschäft und umgekehrt?

Habit: Beide agieren eigenständig, aber natürlich profitiert das Geschäft von dem hier verbreiteten Wissen und die Stiftung von den praktischen Erfahrungen. Wir haben den Ehrgeiz, dass Betten Rid als Benchmark für einen vernetzten Multichannel-Händler gelten kann. Wir sind das noch nicht, arbeiten aber intensiv daran.

Woran speziell?

Habit: Die E-Commerce-Strategie ist darauf ausgerichtet, den Rid-Slogan „Ihr Schlaf in besten Händen“ auch online umzusetzen. Wir optimieren dafür das Sortiment, die Lieferzeiten und das Angebot von Services. Der Online-Umsatz liegt zurzeit bei vier bis fünf Prozent, da ist viel Potenzial drin, das wir heben wollen.

Bei Decken und Wohnaccessoires bekommt Betten Rid Konkurrenz durch Pure Player wie Urbanara.de oder Clubs wie Casacanda.

Habit: Wir beobachten das gespannt, auch die Markenhersteller und Filialisten steigen vermehrt in den Online-Handel mit Heimtextilien ein. Die Club-Konzepte sind auch für die Stiftung interessant. Wir prüfen solche Projekte auf Umsetzbarkeit, natürlich auch bei Betten Rid.

Einzel- und Versandhändler gehören zu den Investoren und Käufern von Start-ups – ist das ein Thema für Stiftung und Betten Rid?

Habit: Die Klientel, die wir ansprechen, sind regionale Händler, die meistens nicht mehr als 50 Mitarbeiter beschäftigen. Da fehlt es an den Mitteln, groß zuzukaufen. Aber das ist auch kein Muss. Unternehmen, die durch unser Coaching liefen, generieren Wachstum aus eigener Kraft. Auch bei Betten Rid sind wir zuversichtlich, bis zum 100. Geburtstag im Jahr 2016 die Traditionsmarke im Internet als Benchmark für das Segment Heimtextilien etabliert zu haben.

Was ist zurzeit interessant in der Branche?

Habit: Wie pfiffig und mutig kleinere Händler im Internet Nischen auftun und gegen die Großen angehen. Beim E-Commerce-Kongress im vergangenen Jahr war es schön zu sehen, dass die von uns vorgestellten Best-Practice-Beispiele zurzeit sehr gefragt und gesucht sind, weil sie Mut machen und inspirieren.

Interview: Susanne Vieser


Rid-Stiftung

Weil Günther Rid, in dritter Generation Eigner des Bettenfachgeschäfts, keinen Nachfolger im Familienkreis fand, gründete er 1988 die Rid-Stiftung. Das Bettenhaus mit seinen vier Filialen in München und Frankfurt gehört zwar zur Stiftung, agiert aber eigenständig.

❚ Die Rid-Stiftung hat sich der Förderung des bayerischen Einzelhandels verschrieben. Unter dem Motto „Wir stiften Zukunft“ investiert sie pro Jahr 2,5 Millionen Euro in Fortbildungen, Mentoren- und Coaching-Programme sowie Forschungsstipendien. Außerdem veranstaltet sie einmal im Jahr den Bayerischen E-Commerce-Kongress in München.

❚ Das Thema E-Commerce ist eines der Schwerpunktthemen der Rid-Stiftung. Gerade läuft die Bewerbung für das Coaching-Programm 2012: Es bietet ausgewählten Händlern bis zu drei Jahre kostenlos Beratung und Schulungen beim Aufbau von E-Commerce-Aktivitäten.

❚ Seit der Gründung wurden bis jetzt an mehr als 1.500 Tagen und in 425 Veranstaltungen mehr als 6.000 Teilnehmer geschult und 2.000 Einzelhändler Bayerns unterstützt.

❚ Ihre Bildungsoffensive stemmt die Rid-Stiftung mit Partnern, etwa den Beratungen BBW, Elaboratum und CIMA. Daneben sorgen auch Verbände für Input. Kontakt: info@ridstiftung.de;

Telefon: 089 / 21 10 12 03



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