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IPAD-SHOPPING-APPS
Auf zu neuen Apple-Ufern
Das iPad bietet Web-Händlern in zweierlei Hinsicht Chancen auf Neues: Sie können neue Nutzerschichten erreichen und mit neuen Shopping-Konzepten experimentieren. Noch allerdings ist das App-Angebot überschaubar
Das eine Internet ist Geschichte – und damit auch die Zeiten, in denen Händler nur einen Webshop pflegen mussten. Heute gibt es mindestens zwei Internets – das stationäre und das mobile. Und mit den unterschiedlichen mobilen Betriebssystemen noch jede Menge Variationsmöglichkeiten für mobile Apps. Das iPad und kommende Generationen von Tablets fragmentieren das Web erneut. Sie bieten erstmals im mobilen Web große Bildschirme mit hoher Bildqualität. Und weil sie dank Touchscreen-Navigation in ihrer Bedienung so einfach sind, schaffen sie neue Nutzungssituationen – beispielsweise von der heimischen Wohnzimmercouch aus – und erschließen neue Nutzerschichten, die auch für Web-Händler interessant sind. „Das Sofa-Surfing wird das Katalog-Lesen des 21. Jahrhunderts“, proklamiert Alexander Köhler, Geschäftsführer der Agentur Conpark, in seinem Weblog Ecommerce-Lounge.de. Thomas Lang, Gründer der Schweizer Firmenberatung Carpathia Consulting, geht davon aus, dass viele nicht besonders der Technik zugeneigte Personen, beispielsweise in der älteren Generation mit gehobenem Einkommen, mit dem iPad Zugang zur elektronischen Welt erhalten.
Aktuellen Zahlen des Statistikportals Statista zufolge sollen 2010 in Deutschland rund 500.000 iPads über die Ladentheken wandern. Damit ist die potenzielle Kundschaft für Web-Händler noch sehr beschränkt und es wird Monate dauern, bis Händler über diesen Kanal signifikante Umsätze erzielen können. Lohnt sich daher die nicht unerhebliche Investition in eine eigene Shopping-App überhaupt? Oder reicht es, den Webshop für das iPad zu optimieren? „Da scheiden sich die Geister“, sagt Jochen Krisch, E-Commerce-Vordenker bei der Münchner Unternehmensberatung Optaros. Browser-Anwendungen seien auf dem iPad zwar so schnell, dass sie ausreichen könnten. „Aber um neue Navigationsmöglichkeiten wie Blättern voll ausschöpfen zu können, braucht es Anwendungen“, so Krisch. Michael Jung, Leiter E-Commerce bei TWT Interactive und Betreiber von E-Commerce-Blog.de, empfiehlt zunächst einen Blick in das eigene Web-Controlling und die mobilen Zugriffszahlen, um die App-Frage zu beantworten. In der Regel reiche jedoch ein optimierter Template-Satz. „In Zukunft wird sich wohl ein Icon entwickeln, das Websites die iPad-Kompatibilität bescheinigt“, glaubt er.
Denis Eggert, Projektleiter Online-Kooperationen und M-Commerce bei der Düsseldorfer Unternehmensberatung Drei75 und Betreiber des Weblogs Shopanprobe.de, sieht Händler, die ihren Web-Auftritt für das iPad optimieren wollen, aber vor einige Probleme gestellt: „Bei vielen Shops hapert es an Produktdaten, insbesondere den Fotos. Wie will ich mit mittelmäßigen Fotos Leute am iPad überzeugen? Das Gerät lebt vom brillanten Display und seiner Darstellung“, betont er.
Entscheiden sich Web-Händler für eine eigenständige App, haben sie anschließend wieder die Qual der Wahl. „Man muss grundsätzlich unterscheiden zwischen Shop-Apps und Shopping-Apps“, erklärt Thomas Lang. Der Unterschied: Bei Shop-Apps, die derzeit die Mehrheit der Apps stellen, kann sich der Kunde wie in einem Katalog über Produkte informieren, eingekauft wird jedoch außerhalb der App per Weiterleitung in den Onlineshop. Shopping-Apps indes wickeln auch den Bestellprozess innerhalb der App ab. Damit sie erfolgreich sind, müssen sie nach Ansicht von Lang ein schnelles Browsen durch das Angebot erlauben, die eingeführte Apple-Usability unterstützen, eine gute und effiziente Suche bieten, Produkte mediengerecht darstellen, komfortable Merklisten bieten und Produkte leicht in den Warenkorb legen lassen. Zusätzlich ist ein effizienter Checkout mit denselben Login-Daten wie im Onlineshop erforderlich, der Bezahlprozess muss innerhalb der App stattfinden, und optional sollte auch noch Zugriff auf Onlineshop-Daten wie hinterlegte Rechnungsund Lieferadressen gewährt werden.
Berater Jochen Krisch erwartet auf dem iPad in Zukunft vor allem visuellere Navigationsmöglichkeiten: „Da das iPad ein vergleichsweise umständliches Sucherlebnis bietet, bin ich gespannt, welche intuitiven Surf- und Navigationsmöglichkeiten speziell im Modebereich entstehen“, sagt er. So ließen sich Collagen für Polyvore viel leichter und intuitiver erstellen. Die Farbsuchen von Etsy kämen erheblich besser zur Geltung. In-Video-Shopping dürfte auf dem iPad seinen Durchbruch schaffen. Und auch der Bereich Möbel und Einrichtung könne durch eine 3D-Darstellung und eine gute 3D-Navigation erheblich profitieren.
Chaos-Usability
Allerdings sorgt die Tatsache, dass iPad-App-Entwickler derzeit intensiv über kreativen Bedienungsmöglichkeiten brüten, beim Nutzer oft für Verwirrung. Scrollt man beispielsweise Produktüberblicksseiten wie im Apple-Fotoalbum horizontal oder wie aus dem Webshop gewohnt vertikal? Löst die Berührung eines Bildes das Öffnen einer neuen Seite aus, dreht es sich oder wird es größer? Experten fordern daher Standards für die App-Gestaltung. Erste Vorarbeit hat hier bereits der US-Usability-Experte Jacob Nielsen geleistet. Die Zusammenfassung der Erkenntnisse seiner 97-seitigen Studie lauten:„ Definieren Sie individuelle, interaktive Flächen, sodass der Nutzer versteht, was er wo tun kann. Schaffen Sie nicht Mehrwert durch möglichst große Ausgefallenheit, sondern verwenden sie konsistente Interaktionstechniken. Und unterstützen sie gelernte Navigationsmöglichkeiten wie Vor- und Zurück-Buttons, Suche, klickbare Überschriften oder den Homepage-Button.“
Abgesehen von kleinen Spielereien, die Shopping-Apps derzeit bieten – komplett neue Shopping-Erlebniswelten sucht man im App Store noch vergebens. Überhaupt ist die Zahl der Shopping-Apps dort noch eher mau. Nur ein Bruchteil der aktuell 10.000 verfügbaren iPad-Apps widmen sich dem Konsum. Deutschsprachige Apps gibt es von eBay, Kaufda, Mein Prospekt, Otto Home Affaire, Stylefinder, Yoox und Amazon Kindle.
Besonders richtungweisend erscheint Thomas Lang die iApp des Schweizer Lebensmittelversenders Le Shop. Sie ist eine der wenigen Apps, die synchronisieren und das gesamte Sortiment auch offline verfügbar machen. Kunden können ihren Einkauf also auch vorbereiten, wenn sie gerade über keinen Online-Anschluss verfügen, und die ausgewählten Produkte offline in den Warenkorb legen. Ist der Kunde dann wieder online, kann er mobil bestellen oder den Warenkorb auf seinen Desktop synchronisieren und vom Schreibtisch aus den Einkauf fortsetzen. Kritisch beurteilt Lang indes das iPad-Erstlingswerk von Otto und der betreuenden Digitalagentur Di Unternehmer. Statt eines attraktiven Shopping-Erlebnisses sieht der Schweizer die Otto-App eher als lieblose Portierung des Katalogs auf das iPad: „Es lässt sich nur blättern. Will man etwas einkaufen, gibt es keinen Klick auf das Produkt. Stattdessen muss es erst mühsam aus der Liste aller auf der Katalogseite präsentierten Produkte ausgewählt werden“, schimpft der E-Commerce-Profi
Wenig Innovatives zum Start
Auch Jochen Krisch hält sich mit Lob für die vorhandenen Apps noch zurück: „Ehrlich gesagt halte ich aktuell die Apple-eigenen für am spannendsten. Die iBook-App zeigt sehr gut, wie man den Kauf mit einem hervorragenden Leseerlebnis inklusive Anmerkungen verbinden kann“, sagt er.
Die Kreativen von TWT Interactive, die jüngst den Web-Auftritt der Otto-Tochter Lascana iPad-fein machten, halten derzeit die Apps von Amazon, GAP oder Shopstyle für am besten gemacht: „Alle drei nutzen die Chance einer iPad-App für eine radikale Entschlackung in der Produktdarstellung und versuchen wenigstens ansatzweise, neue Möglichkeiten in Präsentation und Nutzerführung zu integrieren“, sagt Geschäftsführer Marcel Kreuter. Das Ende der Fahnenstange hält aber auch er für noch lange nicht erreicht:„Wir erwarten noch deutliche Entwicklungen in der Zukunft. Insbesondere in der spielerischen, individuellen Konfiguration von Produkten, einer virtuellen Anprobe oder einer interaktiven Produktberatung sehen wir noch große Potenziale für den E-Commerce auf Tablets“, so Kreuter.
Denis Eggert indes rät Händlern, sich ganz schnell von Apps in Katalogform zu verabschieden: „PDFs des Papierkatalogs als App haben für mich nichts Innovatives. Es gibt Shops, die so viele schöne Sachen um ihre Produkte herum produzieren: redaktionellen Content, Texte, Tabellen mit Artikeldetails, schöne Bilder en masse, Empfehlungen, Videos. Diese Inhalte muss man aufgreifen, dem User ein neues Erlebnis bieten, zum Rezipieren animieren. Und vielleicht, wenn’s Spaß macht, kauft der User dann auch mal.“ ad *